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von Gastautor Christoph Nübel © 2009
Der Aufklärung und Beobachtung aus Ballonen kam im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle zu. Seit dem 19. Jahrhundert hatte das Militär Ballone zu Aufklärungszwecken eingesetzt.

Im Weltkrieg von 1914 machten dann die großen Heere und ausgedehnten "Kriegstheater" besondere Befehlsstrukturen nötig, die neue Anforderungen an die Terrainaufklärung stellten. Eine einfache kavalleristische Aufklärung erwies sich als unzureichend, der sich auf Grund der Waffentechnik entwickelnde Stellungskrieg machte sie schon bald gänzlich unmöglich. Die somit unausweichliche Aufklärung aus der Luft erfolgte durch Ballone, Luftschiffe oder Flugzeuge. Das Luftschiff verlor gegen das schnelle und wendige Flugzeug in der Aufklärung jedoch bald an Bedeutung, da es leichtes Ziel der Flugabwehrkanonen oder Jagdflieger war. Flugzeuge hingegen waren dazu in der Lage, auch weit hinter der gegnerischen Front liegende Punkte zu erfassen. Die fortschreitenden Techniken der Fotografie ermöglichten bald eine Punkt- oder » Reihenbildaufnahme kriegswichtiger Ziele.


Dennoch war bis 1918 die Ballon-Beobachtung direkt an der Front nicht durch Fliegereinsatz zu ersetzen. Ballone, mit Seilen am Boden befestigt, konnten im Gegensatz zum Flugzeug ein Gebiet ständig observieren. Zugleich machte sie das jedoch für Fliegerangriffe und Beschuss vom Boden aus anfällig. Ballone wurden bis 1918 ständig technisch verbessert und konnten Höhen von 1.500 m erreichen, blieben aber witterungsabhängig. Die Beobachtung wurde unter anderem mit Hilfe von Fernsprecher und Fotografie durchgeführt. Die Besatzungen waren häufig telefonisch mit der Artillerie verbunden und konnten so das Schießen direkt leiten und das Schlachtfeld überwachen. Fotos hielten kleinste Veränderungen auf dem Schlachtfeld fest und ließen sich später von ausgebildeten Soldaten genau auswerten. Zuweilen wurden auch die exakten Rundbilder für die Zielbestimmung der Artillerie von Ballonen aus aufgenommen. Fotos aus Ballonen dienten außerdem der „Vermessung“ der Front. Mit speziellen Entzerrungs-Geräten konnten Geländepunkte bestimmt und auf Karten eingetragen werden. Da die Ballonbeobachtung vornehmlich artilleristischen Zwecken diente, waren Soldaten dieser Waffengattung angehalten, sich selbst ein Bild von den verschiedenen Frontabschnitten und den Mitteln der Beobachtung zu machen.

Der im Folgenden wiedergegeben Text ist dem Kriegstagebuch des Leutnants S. der Artillerie entnommen. S. schildert hier seinen Aufstieg mit dem Ballon am 6. September 1915. Zum einen verdeutlicht der Text den technischen Ablauf eines Ballonaufstiegs, zum anderen beschreibt S. seine völlig neuen Eindrücke, die er in der ungewohnten erhöhten Perspektive gewinnt. Die Orthographie wurde nicht verändert, lediglich die Abkürzungen aufgelöst.

"Herrlicher Tag. Aufstieg mit dem Fesselballon, eines meiner schönsten und interessantesten Erlebnisse! Der Ballon stand seit etwa 4 Wochen im Bereich unserer Division am Wald von Grévillers; und sämtliche Herren des Regiments sollen Gelegenheit bekommen, aufzusteigen. Reite morgens hin. Der Ballon liegt aufgeblasen in seinem großen Leinwandgebäude im Walt von Grévillers, wo die Bedienung (38 Mann) ihre Behausungen hat. Zum Aufsteigen wird er 9 Uhr hervorgezogen, die dicke graue Wurst, die etwa ¾ Baumhöhe liegend erreicht, gleitet ruhig und behaglich aus dem Wald heraus. Rings herum hängen die Sandsäcke; er ist jetzt so ausbalanciert, das 20 Mann ihn ohne Anstrengung halten können; die Vorwärtsbewegung geht so leicht wie bei einem Kinderballon. Er wird ganz auf die Wiede herausgezogen und dort ‚ausgerüstet’. Der Korb, ein ganz leichtes Ding, in dem 2 Mann gerade stehen können, wird auf der Protze herangefahren und eingehängt, Telefon und Karten, Fernstecher, Repetiergewehr mit 25 Schuss reingestopft, Gasaustrittsloch zugeschnürt und das Drahtseil, das von einer großen Winde im Unterstand auf freiem Feld zum Ballon läuft, eingehakt. Dann werden die Sandsäcke ausgehängt, worauf die Leute tüchtig halten müssen; über das Seil kommt die an der Protze befestigte und nun mit den Sandsäcken beschwerte große Gleitrolle, die von den 6 Pferden mit der Protze nachher zu der Winde gezogen wird, wodurch der Ballon, während sich die Winde abspult, in die Höhe geht, ohne das man die Herrschaft über ihn verliert. Ich klettere, trotz des warmen Tags mit Wintermantel, hinein, dazu ein Luftschiffleutnant, ‚Los!’ – es geht richtig schnell in die Höhe; in der Minute 100 m, so das wir über 740 m in etwa 8 Minuten erreicht haben. Es ist gänzlich windstill, wolkenlos, aber diesig, so das man die Linien vorn noch nicht sieht. Der Korb steht völlig ruhig, wie es beim Freiballon immer sein soll und es beim Fesselballon selten ist. Der Ballon dreht sich infolge des Luftschlauchs (Windfang) immer gegen den Wind. Das so oft beschriebene Gefühl des Aufschwebens ist grandios. Das Gefühl, wie hoch man ist, verliert man als Ungeübter ganz; es können 200 oder 1.000 m sein. Das Gelände sieht zuerst von oben völlig glatt aus, Mulden oder Höhen kann man sehr schwer unterscheiden, und zwar hilft einem hier die Perspektive der sich scharf abzeichnenden Bettenfelder. Ortschaften sind wie die Holzklötzchen Dörfer der Kinder, Bäume und Waldstücke wie … grüne Wollknäuel, drollig rund. Landstraßen und Eisenbahnen scharf sich absetzend, letztere schwarzes Band; Geleise von einzelnen Wagen im Feld sieht man deutlich. Sehr ulkig sieht ein graues …Feld aus, das von lauter fellenen kreisförmigen Flächen dicht bedeckt ist, zwischen denen etwa dunkleres Eckchen stehengeblieben ist: ein Feld, das nach und nach von einer angebundenen Kuh abgegrast worden ist, die jeden Tag ein Stückchen weiter darf. … An einer Stelle sitzt unser Schatten. Allmählich kommt ein leichter Wind auf, es wir heller, der Nebel sammelt sich zu Wolken, die z.T. unter uns vorbeiziehen, z.T. nahe über uns. Aber die Ferne bleibt dunstig. Indessen sieht man unser ganzes Spezialgebiet tadellos, die Batteriestellungen bei Avelny [?]; die Gräben; alles kolossal von oben herein. Leider schießen die Engländer heute gar nicht, sodaß kein Mündungsfeuer zu sehen ist. Jeder Gewehrschuss dringt sehr stark herauf. An klaren Tagen soll man Arras schön liegen sehen, am besten sieht man das Kampfgebiet von Lesse, wo die Gräben ganz zahllos sind. Allmählich werden die Wolken dichter, die Wolkenschatten sind von den bewaldeten Ortschaften, die regelmäßig über die Fläche verstreut sind, schwer zu unterscheiden. … Die Luft ist wunderbar rein, so frisch, daß man trotz der Sonne und ruhigen Luft kalte Füße kriegt. Ein hinuntergeworfenes Stück Papier braucht endlos. Nach 3 ¼ Stunden gehen wir hinunter; die Protze fährt unten herbei und zieht die Gleitrolle von der Winde weg, wodurch wir rasch hinab gezogen werden. Schon nach 100 m Unterschied spürt man starken Druck aufs Trommelfell was durch Schlucken sofort behoben ist. Dies wiederholt; ich spüre unten danach gar keine Beschwerde."

Dieser Artikel wurde von » Chistoph Nübel im Februar 2009 eingereicht.

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