Wo und wie sind diese "Flugzeugfallen" eigentlich entstanden? Die preussische Feldluftschiffer-Abteilung 1 liegt nach Beendigung des Vormarsches 1914 in Flandern. Die Fronten sind erstarrt, auf beiden Seiten müssen nun die gelben Augen der Armee, die Fesselballone, die Überwachung des von Tag zu Tag stärker ausgebauten feindlichen Stellungs- und Grabennetzes übernehmen.
Immer herbstlicher wird die Witterung, immer diesiger die Luft, zum erstenmal lernen die Deutschen die bald so gefürchteten flandrischen Nebel kennen, die durch Mantel und Uniformen dringen, und die Fesselballone, die da ein paar Kilometer hinter der Front am grauen Herbsthimmel hängen, einfach blind machen sind noch die alten Drachenballone, die die Feldluftschiffer - Abteilung 1 besitzt - die Franzosen haben zu der Zeit sogar noch ihre Kugelballone - , bei dem Wetter ist mit den Dingern nicht viel anzufangen. Doch der Kommandeur der Abteilung, der als erster Offizierspilot und Leiter des ersten militärischen Fliegerkommandos in Döberitz bekannte Hauptmann de le Roi, ist nicht umsonst einer der bewährtesten Luftschiffer der preussischen Armee. Aus der Heimat lässt er sich eine Anzahl von Kastendrachen schicken, dazu ein automatisch arbeitendes Fotogerät. Und nun wird der Apparat in einen Drachen montiert, ein Aufstiegsplatz unmittelbar hinter der ersten deutschen Stellung erkundet. Und eines Tages, man schreibt Januar 1915, lassen Luftschiffer der Abteilung 1 unter Führung ihres Kommandeurs nur einen Kilometer hinter den deutschen Stellungen bei Langemark einen Kastendrachen steigen, der auf 300 bis 400 Meter Höhe klettert und von seiner hohen Warte aus automatisch das feindliche Gelände fotografiert.
Die gegenüberliegenden Belgier und "Tommies" sind zunächst wohl ein wenig überrascht über diesen Spuk am grauen, sturmbewegten Winterhimmel. Dann setzt ein heftiges Geschieße auf dieses komische Etwas da oben ein. Herunterholen können sie den Drachen nicht. Der Zweck ist erreicht, die Aufnahmen gelungen.
Der Krieg geht weiter, die Waffen vervollkommnen sich. Die erst so primitiven
Aeroplane sind schneller, sind wendiger geworden. Und die "gelben Augen der Armee" wurden zu unbequemen Aufpassern, Spähern, die jede Bewegung bis weit ins Hinterland mit Argusaugen überwachen. Man muss sie vernichten - um jeden Preis. Gegnerische Flugzeuge wagen die ersten Angriffe auf die Fesselballone der Feldluftschiffer - Abteilung 1. Mit Leuchtpistolen, mit Raketen rückt man den Ballons zu Leibe, feindliche Flugzeuge wagen sich auf 50 bis 60 Meter heran.
Ein, zwei Ballons gehen in Flammen auf. Da entsinnt sich Hauptmann de le Roi wieder seiner Kastendrachen; die müssen heran, müssen um den Fesselballon eine Sperre bilden. In etwa einem Kilometer Entfernung von dem Ballon werden die Drachen aufgelassen; sie tragen an den Haltekabeln dünne, am Ende mit Bleikugeln beschwerte Drähte, in denen sich etwa angreifende Flugzeuge verfangen sollen.
Diese erste Drachensperre ist zwar noch genau so primitiv wie die angreifenden Flugzeuge und ihre Waffen, aber sie hat doch einen ganz ausgezeichneten Erfolg: Die Belästigungen der Flieger fällt weg, sie halten sich alle in respektvoller Entfernung! Die eigenen Fliegerformationen aber werden ständig über die Grenzen und Höhen der Sperren auf dem Laufenden gehalten.
Auch der Kommandeur der 26. Res. Division, Erz. von Hügel, interessiert sich bald für die neue Maßnahme, die ihm die so wertvollen Fesselballons erhält. Das war im Jahr 1915.
Während die deutschen "Luftsperrabteilungen" aus je zehn Ballons mit je zehn Mann Bedienung bestanden, besaßen die Engländer nur sieben Einheiten zu je 3 Ballons, die sich Ende 1917 zum Schutz gegen die starken Angriffe deutscher Gross - und Riesenflugzeuge um London bzw. bei besonders stark gefährdeten Anlagen einsetzten. Sie berichten unter dem 28. Januar 1918 von dem Absturz eines deutschen Bombenflugzeuges, das sich in einer Sperre in Chingford District verfing. Auch in die an der Themsemündung vorhandenen Ballonsperre geriet ein deutsches Großflugzeug; allerdings riss das Kabel, so dass die Besatzung mit einem stark beschädigten Flügel den Heimflug antreten musste.
Die Engländer machten auch Versuche, drei, in Abständen von je 300 Meter hochgelassene Ballons durch ein Kabelhorizontal miteinander zu verbinden und von diesem Kabel dünne, am Ende mit Sandsäcken beschwerte Stahlkabel herabhängen zu lassen, die so ein Netz bilden sollten. Die kleinen Fesselballone waren einer derartigen Last jedoch nicht gewachsen, das Kabelnetz wurde zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammengezogen. Der Versuch war damit erledigt.
Die heutigen, neuzeitlichen Ballonsperren sind natürlich kaum noch mit denen der letzten Kriegsjahre zu vergleichen. Aus dem damaligen, rein behelfsmäßigen, aus den Erfordernissen des Krieges geborene Schutz wurde inzwischen ein technisch aufs höchste vervollkommnetes Instrument der Luftabwehr. Ständig wird an den Verbesserungen des Geräts, der Ballone, der Kabel und Winden gearbeitet, die Steighöhen werden immer höher getrieben.
Und wenn die Ballonsperren des Weltkrieges nur bei Nacht eingesetzt wurden, so wird man sie künftig gerade im Herbst und Frühjahr, wenn die Wolkendecke nur 200 oder 300 Meter Höhe erreicht, wenn also die Gefahr des unbemerkten Anfluges und plötzlichen Durchstoßens am größten ist, ebenso hochlassen, wie bei Regen und Sturm, vielleicht auch sogar bei wolkenlosem Himmel.
Auf alle Fälle werden diese Ballonsperren, die Flugzeugfallen, die da zum Schutz von Städten oder einzelnen Werken in den Himmel gestellt werden, in einem künftigen Krieg eine, wenn auch sehr kostspielige, aber wichtige und äußerst scharfe Waffe der Luftabwehr werden, die gerade dann ihren höchsten Wert erreicht, wenn schwere und leichte Flak bei niedriger Wolkendecke keine Sicht und damit keine Zeit haben, ihre Wirksamkeit gegen einen unvermutet aus 100 oder 200 Meter herabstoßenden Sturzbomber zu entfalten. Hier sind die in den Wolken stehenden Ballons mit ihren Kabeln der sicherste Schutz gegen derartige überraschende Angriffe, und ein Gegner, der erst einmal die ungeheure Gefahren dieser Sperren kennengelernt hat, deren Kabel ihm Propeller und Tragflächen glatt absägen, wird sich hüten, in einen Gefahrenbereich einzudringen, in dem ringsum unsichtbare Fallen stehen, die ihm im Bruchteil einer einzigen Sekunde zum Verderben gereichen können.
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