Orginalerzählung aus persönlichem Erleben von Vizefeldwebel Fritz Rosengart, Führer der Flieger-Abteilung 44 (FA 44) über seinen Flug mit Oberleutnant Behrla am 24. Mai 1917 über Verdun.
Der Abteilungsführer der Fliegerabteilung 44 hatte am Abend des 23. Mai 1917 die für den nächsten Tag vorliegenden Aufträge an die einzelnen Flugzeugbesatzungen ausgegeben. Sie standen vor dem Kartenbild der Front und berieten, wie wohl die Aufträge am besten auszuführen seien, um die günstigsten Resultate melden zu können.
Für Oberleutnant Behrla als Beobachter und für mich als Führer lautete der kurze Auftrag: „Fernaufklärung zwischen Barle Duc und Revigny, Bahnverkehr auf dieser Strecke, ebenso nach Bitry le Francois und von Paris!“
Wir beschlossen, die Mittagszeit für die Ausführung unseres Auftrags zu benutzen, weil wir dann das beste Licht für Frontaufnahmen hatten und wußten, daß der Franzmann zu dieser Zeit die geringste Abwehr einsetzte. Wir hatten also Aussicht, von Jagdfliegern unbehelligt zu bleiben, zumal wir zum Überschreiten der Front die Höhe von 4500 m ausmachten. Das „bißchen“ Schießen der Fliegerabwehrkanonen würde ja wohl unseren Weg verraten und feindliche Flieger anlocken, lieber wäre uns ja, wenn die weißen Sprengwölkchen am Himmel fortbleiben würden.
Der 24. Mai 1917 brach an. Kein Wölkchen am Himmel, nicht der leiseste Luftzug war zu spüren. Nur die Sonne leuchtet mit unverminderter Kraft auf unsern Flugplatz, wie schon seit Tagen. Ein rechter Sommertag. Wir standen vor unserm braven Albatros C.B., an dem die Monteure die letzten Arbeiten beendet hatten. Noch eine kurze Anweisung meines Beobachters: „Über St. Menehould rein, über St. Michel raus, das ist der kürzeste Weg und wir haben am meisten gesehen!“ – Aber zum „Sehen“ sollte es diesmal nicht kommen.
Wir bestiegen die Maschine, deren Motor mit langsamer Tourenzahl den Propeller im gleißenden Sonnenlicht drehte. Dann gab ich Vollgas. Der 220 pferdige Mercedes-Motor heulte auf, als wüßte er, wohin es wieder mal ging. Langsam geriet das Flugzeug in Bewegung und immer schneller werdend rannte der Vogel über den Platz, um sich nach kurzer Zeit in sein wahres Element zu erheben.
Die Luft war ohne Böen, die damals nicht das Entzücken der Führer hervorrufen konnten. Wir hatten 4000 m erreicht und wandten uns nun zu Front. In 4500 m überschritten wir diese zwischen St. Menehould und Verdun.
Eifrig beobachteten wir, was um uns und was unter uns vorging, denn zu den angenehmsten Situationen gehört es gerade nicht, von feindlichen Fliegern überrascht zu werden. Aber keiner dieser „Kavaliere“ war zu sehen. Seltsamerweise auch kein Schuß der sonst sehr regen Fliegerabwehrkanonen. Hatten sie uns noch nicht bemerkt oder wollten sie uns erst weiterfliegen lassen, um uns dann desto heftiger zu beschießen?
Wie im tiefsten Frieden flogen wir auf unser Ziel los, als plötzlich der Motor anfing zu „rasen“, als fände der Propeller keinen Widerstand in der Luft, und schon kippte das Flugzeug vorne über, ehe ich recht erfaßt hatte, worauf dies alles zurückzuführen sei. Eine „wüste“ Trudelei begann, immer erdenwärts. Heute würde ich dafür einen Preis im Kunstfliegen erhalten haben. Ich hatte keine Herrschaft mehr über die Maschine, auf den Steuerorganen verspürte ich nicht den geringsten Luftdruck, der Vogel machte was er wollte.
Mein Kopf schlug von einer Seite zur anderen, als hätte er jede Verbindung mit dem Körper verloren. Ich stemme ihn mit aller Kraftanstrengung gegen die Karosserie, um am Geschwindigkeitsmesser feststellen zu können, wie schnell die rasende Fahrt geht. Aber da ist nichts festzustellen. Der Zeiger tanzt von 0 – 250 km hin und her, als freue er sich, mal richtig bewegt zu werden. Der Luftdruck in den Ohren ist unerträglich und ein stechender Schmerz zieht in der Stirn. Dazu kommt noch das nervenpeitschende Heulen der Spanndrähte zwischen den Tragflächen des Doppeldeckers. Aber etwas anderes sehe ich: Die äußeren Enden der Trägflächen sind nach oben gebogen wie Peitschstiele und die Gewißheit, daß sie im nächsten Augenblick wegknacken müssen wie Glas, wir dann herunterplumpsen wie ein Stein, wenn diese rasende Fahrt nicht bald ein Ende nimmt, schafft nicht gerade die beruhigendsten Gefühle.
Allerdings kein schöner Heldentod, so unfreiwillig und ohne sich wehren zu können, gegen irgend etwas - dafür lieber einen anständigen Luftkampf, sind meine weiteren Überlegungen. An ein Orientieren ist nicht mehr zu denken, da ich bald die Erde über mir, und die Sonne unter mir, im nächsten Augenblick schon wieder alles in anderer Reihenfolge sehe. Der Höhenmesser ist auf 2400 m gesunken. Noch halten die Tragflächen und es ist Zeit, mal wieder zu probieren, ob ich nicht doch noch die Maschine in Gewalt bekomme. Bis hierher war es so schnell gegangen, daß mir kein Gedanke dazu gekommen ist. Vielleicht habe ich unbewußt, rein mechanisch die Steuerorgane betätigt, ich weiß es nicht.
Erst in 1600 m folgte dann die Maschine wieder willig dem Steuer, als sei überhaupt nichts gewesen. Ein kurzer Orientierungsblick in die Runde. Hell leuchtet mir das Fünfeck des zusammengeschossenen Forts Douaumont entgegen. Weil ich keine Ahnung hatte, was mit der Maschine während der „Trudelei“ geschehen ist, „fahre“ (dieser Ausdruck ist in der Fliegersprache verpönt und nur auf Anfänger anwendbar, wenn man sagt: „Er kann Aeroplan fahren“ oder für große Bruchkanonen: „Er hat schon wieder eine „Kiste“ in Grund und Boden gefahren“, sonst fliegt man!) ich in großem, sehr großem Bogen, auf den Flugplatz zu. – Wie mag es inzwischen meinem Beobachter ergangen sein?
Ich habe nicht den Mut, mich nach ihm umzusehen, weil ich bestimmt glaube, ihn bei diesem Abenteuer verloren zu haben, wenn er sich nicht angeschnallt hat. Zaghaft sehe ich in den Rückblickspiegel in der Hoffnung, daß alles gut gegangen ist. Aber der Sitz ist leer! Das Maschinengewehr und der Patronengurt flatten lustig im Propellerwind. Also meine erste Ahnung hat sich bestätigt! – „Wo magst du gelandet sein?“ denke ich und drehe mich nach dem leeren Beobachtersitz um. Ein geistreiches Gesicht glaube ich kaum gemacht zu haben, als ich meinen Beobachter in einem Loch im Rumpf zwischen Beobachtersitz und Seitensteuer stehen sehe, wie er sich mit beiden Händen festhält und mir aufmunternd zunickt! Erst nach der Landung erfuhr ich sein Schicksal. Da ich erst einige Flüge mit ihm gemeinsam unternommen hatte, kannte er die Gewohnheiten meines Fliegens im Luftkampf noch nicht. Er vermutete daher, daß ich versuchte, mich durch diese „blödsinnige“ Kurverei einem Maschinengewehr zu entziehen. Er späht eifrig nach dem bösen Feind aus, kann aber keinen entdecken, vergaß dabei sich anzuschnallen oder auf andere Art zu sichern, was beinahe sein letzter Flug gewesen wäre! – Er wurde im weiteren Fall einfach aus der Maschine geschleudert und hing ohne Verbindung mit mir zu haben, in der Luft. Aber Glück muß der Mensch haben, mein Beobachter aber hat schon „Schwein“ gehabt! – Kurz darauf prallt er mit dem Flugzeug zusammen, ihm fliegen Holzsplitter um die Ohren und er sitzt wieder in der Maschine, allerdings in einem jetzt unfreiwilligen Beobachtersitz, der auch nicht viel Sicherheit bietet, weil die Bespannung des Rumpfes an dieser Stelle nicht am kräftigsten ist.
So habe ich ihn heil, wenn auch mit einigen Hautabschürfungen nach Hause gebracht. Bisher ist jedenfalls noch niemals berichtet worden, daß ein Flugzeugführer mit seinem Beobachter „Fangball“ gespielt hat! – „Einige“ Nerven hat uns dieses Erlebnis doch gekostet und ich habe noch lange danach öfter diese „Trudelei“ im Traum wiedererlebt.
Dieses Ereignis kann nur dadurch hervorgerufen sein, daß ich in einen Luftwirbel oder in ein Luftloch geraten bin, erklären kann ich es nicht, mit ist während meiner ganzen Fliegerei kein ähnlicher Fall passiert.
Gez. Fritz Rosengart, Kummerau
Quelle: Der Frontsoldat erzählt Nr. 8, 5. Jahrgang, Seite 247
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