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(* 29. Juli 1879 in Holzminden, + 29. November 1917 über Zonnebeeke) war mit 38 Jahren der älteste deutsche Jagdflieger während des Ersten Weltkrieges. Beim Zusammenstoß mit seinem Flugzeug starb Oswald Boelcke.


Erwin Böhme war als Jugendlicher ein sportlich erfolgreicher Eisläufer, Schwimmer und Bergsteiger. Nach dem Abitur besuchte er die Technische Fachschule in Dortmund und machte nach zwei Jahren das Staatsexamen. Anschließend arbeitete er zwei Jahre als Ingenieur in Elberfeld sowie fünf Jahre in Zürich und Biel. 1909 nahm er die Bauleitung der 116 km langen Usambara-Seilbahn von Tang bis Rate in Ostafrika an. Im Juli 1914 reiste Böhme zum Bergsteigen und Skifahren in die Schweizer Alpen und wurde dort vom Beginn des Ersten Weltkrieges überrascht.

Er blieb nicht in der neutralen Schweiz, sondern kehrte nach Deutschland zurück, um den Militärdienst anzutreten. Zunächst wurde Böhme dem preußischen Garde-Jäger-Bataillon Potsdam zugeteilt. Kurze Zeit darauf bewarb er sich bei den Fliegern. Die Rekrutierungs-Offiziere waren von seinen bisherigen sportlichen Leistungen so beeindruckt, dass er trotz seines Alters von 36 Jahren angenommen wurde. Er wurde nach Döberitz, dann nach Lindenthal zur Pilotenausbildung kommandiert. Nach der Prüfung wurde er für ein Jahr als Fluglehrer eingesetzt. Im Dezember 1915 wechselte er zu einer aktiven Einheit, der Kampfstaffel (Kasta) 10, die von Hauptmann Wilhelm Boelcke, dem Bruder von » Oswald Boelcke, kommandiert wurde.

Am 5. März 1916 besuchte Wilhelm Boelcke seinen berühmten Bruder und traf auch mit Erwin Böhme zusammen. Böhme erfuhr bei dieser Gelegenheit von der neu konstruierten Möglichkeit, mit Maschinengewehren synchron durch den Propeller hindurch zu schießen und die Maschine somit im Luftkampf direkt auf das Ziel auszurichten. Im Mai 1916, Böhme war bereits ein Veteran im Luftkrieg, hatte zahlreiche Aufklärungs- Patrouillen- und Bombenflüge hinter sich, wurde er zum Leutnant der Reserve ernannt.

Erbeutete Sopwith Triplane der » Jagdstaffel 2 "Boelcke", im Hintergrund ist das Heck von Lt. Erwin Böhmes Albatros D.V 4578/17 zu sehen. Das Bild wurde wahrscheinlich in Rumbeke im Herbst 1917 aufgenommen. (Foto: Rainer Absmeier Collection)  

Aus dem Tagebuch von Erwin Böhme im Orginaltext

Boelckes letzter Flug
Nun ist Boelcke nicht mehr unter uns. Härteres konnte uns Flieger nicht treffen. Am Sonnabend (28. Oktober 1916) nachmittags saßen wir in Alarmbereitschaft in unserem Flugplatzhäuschen. Ich hatte gerade eine Partie Schach mit Boelcke begonnen – da wurden wir kurz nach vier Uhr während eines Infanterieangriffes an die Front gerufen. Boelcke führte uns, wie gewöhnlich, selbst. Wir kamen auch sehr bald über Flers zum Angriff auf mehrere englische Flugzeuge, schnelle Einsitzer, die sich tüchtig wehrten. In dem nun folgenden wilden Kurvenkampfe, der uns immer nur für kurze Zeit zum Schuß kommen ließ, suchten wir die Gegner durch abwechselndes Wegabschneiden runterzudrücken, wie wir es schon so oft mit Erfolg getan hatten. Boelcke und ich hatten gerade den einen Engländer zwischen uns, als ein anderer, von Freund Richthofen gejagter Gegner unseren Weg schnitt. Bei dem gegnerischen blitzschnellen Ausweichen haben Boelcke und ich, durch unsere Tragflächen behindert, einen Augenblick nichts voneinander gesehen – und hierbei ist`s passiert.
….Wie soll ich meine Empfindungen schildern von dem Augenblicke an, als Boelcke plötzlich wenige Meter rechts von mir auftauchte, er seine Maschine duckte, ich meine hochriß, wie wir beide uns aber doch noch streiften und beide zur Erde mußten! Es war nur ein leises Berühren, aber bei der rasenden Geschwindigkeit bedeutet auch das schon einen Anprall. Das Schicksal ist meist so grausam unvernünftig in seiner Wahl: Mir war nur eine Seite des Fahrgestells weggerissen, ihm das äußerste Stück der linken Tragfläche.
….Nach ein paar hundert Meter Fall bekam ich meine Maschine wieder in Steuergewalt und konnte nun der Boelckes folgen, die ich in sachtem Gleitflug nur etwas schief hängend, unseren Linien zusteuern sah. Erst in einer Wolkenschicht in den unteren Regionen wurde seine Maschine durch heftige Böen nach und nach steiler, und ich mußte sehen, wie er sie vor der Landung nicht mehr geradestellen konnte und wie sie neben einer Batteriestellung aufschlug.
….Aus dem Batterieunterstand eilten Leute sofort zu Hilfe. Meine Versuche, bei dem Freund zu landen, waren wegen der Granattrichter und Gräben unausführbar. So flog ich rasch nach unserem Platz. Daß ich mich dort bei der Landung überschlagen habe, erzählten sie mir erst am nächsten Tage – mir ist das überhaupt nicht zum Bewußstsein gekommen. Ich war ganz verstört, hatte aber immer noch Hoffnung. Als wir aber mit dem Auto hinkamen, brachte man uns den Toten schon entgegen. Er ist im Augenblick des Aufschlagens sofort tot gewesen. Boelcke trug nie einen Sturzhelm und schnallte sich auch im Albatros nicht fest – sonst hätte er vielleicht den gar nicht allzu wuchtigen Aufprall überstanden.
….Jetzt ist alles so leer bei uns. Erst nach und nach kommt es uns voll zum Bewußtsein, welche Lücke unser Boelcke läßt, daß mit ihm die Seele des Ganzen fehlt. Er war doch in jeder Beziehung unser einzigartiger Führer und Meister. Er hatte auf alle, die mit ihm zu tun hatten, auch auf Vorgesetzte, rein durch seine Persönlichkeit, bei aller Natürlichkeit seines Wesens, einen zwingenden Einfluß. Mit uns konnte er überall hin. Wir hatten nie das Gefühl, daß etwas mißlingen konnte, wenn er dabei war, und es gelang ja auch fast alles. In diesen anderthalb Monaten hat er mit uns über sechzig feindliche Flugzeuge unschädlich gemacht, das Übergewicht der Engländer schwand von Tag zu Tag. Nun müssen wir anderen sehen, daß sein sagenhafter Geist in der Staffel nicht untergeht.

Quelle: "Flieger am Feind" von Werner v. Langsdorff  

Annemarie Brüning

1916 traf er während einer Feier eines Bekannten dessen älteste Tochter, Annemarie Brüning. Es begann eine intensive Beziehung. Auf Grund der unterschiedlichen Standorte, er auf diversen Fliegerhorsten, sie als Jugendfürsorgerin, ergab sich ein fast täglicher Schriftverkehr. Erwin Böhme schilderte seiner Braut Annemarie die Kriegsereignisse, insbesondere die Technik und Funktion der Flugmaschinen und die Erlebnisse während der Luftkämpfe. Nach dem Krieg stellt Annemarie Brüning diese Korrespondenz einem Verlag zur Veröffentlichung zur Verfügung. 1930 erschien das Buch mit dem Titel: „Briefe eines deutschen Kampffliegers an ein junges Mädchen“.

Erwin Böhme flog mit seinem Fokker-Einsitzer meistens im Verbund mit seinem Freund » Oswald Boelcke, dem Lehrmeister der Jagdfliegerei. Dieser starb bei einem Zusammenstoß zwischen seinem und Böhmes Flugzeug. Tiefbetrübt meldete Böhme das Unglück, an dem er unschuldig war. Erwin Böhme und die gesamte Jagdstaffel waren tagelang wie gelähmt ob dieses Verlustes. Seit dem 2. Dezember 1916 wurde die Jagdstaffel 2 im Andenken an » Oswald Boelcke in Jagdstaffel Boelcke umbenannt.

Erwin Böhme mit seinem Beobachter Lt. Lademacher vor einer Albatros C. 766/16 in Kowal (Russland) 1916. 


Nach Genesung von einer Schussverletzung am 11. Februar 1917 wurde Böhme als Fluglehrer zur Fliegerschule Valenciennes versetzt. Führer dieser Jagdstaffelschule war Hauptmann » Martin Zander, der nach dem Krieg als Verkehrsflieger tödlich abstürzte. Am 2. Juli 1917 wurde Böhme Führer der Jagdstaffel 29, da » Kurt Wolff wegen der Verwundung von » Manfred von Richthofen die Jagdstaffel 11 erhielt. Böhme begrüßte diese Entscheidung, da er den aktiven Dienst an der Front vorzog.

Am 1. August 1917 wurde die » Jagdstaffel 2 "Boelcke" zur 4. Armee nach Flandern verlegt. Am 18. August 1917 übernahm Erwin Böhme die Führung, nach Kirmaier (30.10.-22.11.1916), » Franz Josef Walz (29.11.1916-9.6.1917) und » Fritz Otto Bernert (9.6.-18.8.1917). Sein späterer Nachfolger, Rittmeister » Carl Bolle, beschrieb ihn als erfolgreiche Führungspersönlichkeit.

Über seine „Erlebnisse“ als Staffelführer berichtete Böhme u.a. in einem Schreiben an seine Braut Annemarie Brüning:
Für meine Staffel habe ich gestern einen sehr schätzenswerten Zuwachs bekommen: den bayerischen Leutnant » Max Müller, der mit 31 Siegen unter den lebenden Fliegern jetzt an zweiter Stelle nach » Manfred von Richthofen steht. Er gehörte schon vor einem Jahr zu unserer Staffel, war aber dann den Sommer durch bei einer anderen…Ich war mit meiner Staffel ohne besondere Ereignisse an der Front gewesen und sonderte mich beim Heimflug ab, um Richthofen zu besuchen, den ich mehrere Wochen nicht gesehen hatte. Nach einem Kaffeestündchen flog ich dann nach Haus, sah aber schon, ehe ich landete, dass meine Leute bereits wieder unterwegs waren, flog also weiter an die Front, wo ich sie auch bald fand. Hoch über uns tummelte sich ein englisches Jagdeinsitzer-Geschwader. Wir suchten so schnell es ging, zu steigen. Da ich das meiste Benzin schon bei dem ersten Fluge verbraucht hatte, fühlte sich meine Maschine recht leicht und stieg wie Karl der Große. Ich war denn auch nach kurzer Zeit weit über meinen Gefährten und zog immer gleichen Strich mit den noch höher fliegenden Engländern und hatte sie so ständig im Auge. Bis schließlich einer auf den faden Gedanken kam, mich von oben anzugreifen. Den ersten Stoß machte ich durch schnelles Entgegenfliegen unwirksam, deshalb zog er seine Maschine schleunigst wieder hoch und war auch sofort wieder etwa 200 Meter über mir – er flog den neusten Typ mit sehr starkem Motor. Von nun an machte er noch vier oder fünfmal einen schüchternen Ansatz zum Angriff, doch diesmal war ich sofort wieder senkrecht unter ihm, so dass er nicht zum Schuß kam. Dabei hatte er nach und nach an Höhe verloren, und in einem Augenblick konnte ich den Spieß umdrehen – nun liegt er unten, der dumme Kerl! Die ganze Affäre hat mindestens fünf Minuten gedauert. Länger hätte sie freilich auch nicht dauern dürfen, denn ich kam gänzlich ohne Benzin nach Haus. Hier hatten sie unterdessen Bomben geschmissen, aber nur Löcher in den Acker ringsum gemacht“.

Briefe eines deutschen Kampffliegers
an ein junges Mädchen

Authentische Briefe des Leutnant d.R. der Fliegertruppe Erwin Böhme an seine Geliebte.

207 Seiten
herausgegeben von
Prof. Dr. Johannes Werner

K.F. Koehler
Leipzig 1930

Status: Im Archiv der Redaktion.  


Erwin Böhme hatte 24 Abschüsse zu verzeichnen, als er am 29. November 1917 zum drittenmal an diesem Tag mit seiner Staffel startete. Über Zonnebeke bei Ypern geriet er in einen Luftkampf mit einem feindlichen Geschwader und wurde von Captain John Pattern tödlich getroffen. Westlich des Zillebeker Sees stürzte sein brennendes Flugzeug ab. Die Engländer bestatteten ihn mit militärischen Ehren auf dem Friedhof bei.

Siehe auch:
» Datenbank der Jagdstaffel 2

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Kommentar: 1 von Joop Peeters erstellt am : 10.10.2010 16:37 gespeichert
Erwin Böhme wurde von Engländer bestattet auf Kriegsgräberstätte Keerselaarshoek. Nach Auflösung dieses Friedhofes mitte der 50 Jahren sollte er,laut VDK, umgebettet sein nach Langemark. Dort soll er angeblich im Kameradengrab ruhen. Sein Name ist aber nirgendwo auf Tafeln dort aufgeführt.
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