(* 04. Juni 1883 in Sophienfeld Kreis Znin/Prov. Posen/heute Polen, + 01. Juli 1952 in Bonn) erhielt als Geschwaderkommandeur für die Führung der Bombenangriffe auf London den Orden Pour le Mérite und überlebte beide Weltkriege.
Ernst Brandenburg wurde am 4. Juli 1883 in Sophienfeld geboren. Nach der Schulausbildung trat er in den Militärdienst ein und wurde Offizier im 6. Westpreußischen Infanterie-Regiment Nr. 149 in Schneidemühl. Nach Beförderung am 18. August 1912 zum Oberleutnant, war er längere Zeit Regimentsadjutant.
Am 28. November 1914 wurde er Hauptmann. Brandenburg war bereits im März 1911 zur Lehr- und Versuchsanstalt für Flugwesen kommandiert worden. Nachdem er 1914 als Infanterist schwere Beschießung überlebte, meldete er sich endgültig zur Fliegerei. Ab 1. November 1915 stand er im Dienst des Flugwesens.
In vielen Tages- und Nachtflügen führte Brandenburg als Beobachter sein Bombengeschwader 3 (Bogohl) weit in gegnerisches Gelände. Am 13. Juni 1917 führte er als Geschwaderkommandeur einen Angriff auf London an. Darüber berichtete er an seine Verwandten u.a.:
„Punkt 10:00 h erhoben sich die 3 Führungsmaschinen vom Boden, ihnen folgen die 3 Staffeln mit 19 Großkampfflugzeugen, jedes mit 3 Mann Besatzung, 200 kg Bomben und 3 Maschinengewehren. Bei Zeebrügge ist das Geschwader bereits dicht geschlossen. Durch eine Öffnung in der Wolkendecke erkennt man nach einiger Zeit das Südufer der Themsemündung westlich Margate. Um 13:00 h wird London von 17 Flugzeugen erreicht. Die Sicht über der Stadt ist ungewöhnlich klar. Das Abwehrfeuer ist schwach und schlecht gezielt. Eine beträchtliche Anzahl feindlicher Jagdflugzeuge hat inzwischen die Höhe unseres Geschwaders erreicht, doch fliegen sie vereinzelt und wagen mit einer einzigen Ausnahme keinen tatkräftigen Angriff auf unser Geschwader. Diese einzige Maschine wird dann auch abgeschossen. Durcheinander fliegend und vielfach kreisend warfen wir in aller Ruhe Bomben ab. Die Mehrzahl der Bomben fällt in die Docks und Lagerhäuser der City, getroffen wird außerdem ein Bahnhof und eine Themsebrücke. Nach dem Bombenabwurf schließt sich unser Geschwader wieder. Die erleichterten Maschinen steigen gut, so dass die feindlichen Flugzeuge die Verfolgung bald aufgaben. Nach insgesamt 4½-stündigem Flug landeten unsere sämtlichen Flugzeuge glatt im Heimathafen Neumünster.“
17 Flugzeuge bewarfen London mit 4.400 kg Bomben. Die 92 abgeworfenen Bomben töteten 145 Menschen, verletzten 382 und richteten einen materiellen Schaden von 126.000 £-Sterling an. Sämtliche deutschen Flugzeugangriffe auf England (nach englischen Angaben: 59) hatten 857 Tote und 2.050 Verletzte zur Folge. Die 92 aufgestiegenen englischen Flieger sowie der Flakbeschuss brachten keine der deutschen Maschinen, die in ca. 4.000 m Höhe flogen, zum Absturz. Eine im Luftkampf leicht und eine zweite durch Flakfeuer schwer beschädigte „Gotha“, ein Produkt der Gothaer Waggonwerke, hielten den Rückflug durch.
Die Daten dieses Flugzeugs: Drei Mann Besatzung; vier MGs mit 2.000 Schuss Munition (eins wurde später ausgebaut); 300 kg Bomben (üblich waren 12,5 kg-, 50 kg- und 100 kg-Bomben); 3½ Stunden Aktionsradius (später durch Zusatztanks auf 5½ Stunden erhöht); zwei 260 PS-Mercedesmotoren mit Druckpropellern; 140 km Geschwindigkeit in 5.000 m Höhe; 5.500 m Gipfelhöhe, unter optimalen Bedingungen in 44 Minuten zu erreichen. Mit dieser Ausstattung waren die Gothas den gegnerischen Militär-Maschinen und Abwehrmaßnahmen überlegen.
Die Vorbereitung des Angriffs auf London nahm längere Zeit in Anspruch. Die Herstellung der nötigen Maschinen war wegen Rohstoff- und Kohlemangels auf Schwierigkeiten gestoßen. Die Besatzungen, aufgebaut aus dem Halbgeschwader I, das aus der „Brieftaubenabteilung Ostende“ hervorging und unter Hauptmann Gaede an der Sommefront kämpfte, wurden in Zusammenarbeit mit Marinestellen im Seefliegen ausgebildet.
Im März 1917 wurde Brandenburg zum Kommandeur des Verbandes ernannt, der nun seine endgültige Bezeichnung „Bombengeschwader 3 Oberste Heeresleitung (Bogohl 3)“ erhielt. Es bestand zunächst aus vier Staffeln und lag in Gonterode und St. Denis.
Im Mai 1917 war das Geschwader einsatzbereit. Bei den ersten Flügen am 25. Mai und 5. Juni 1917 wurden englische Küstenstädte bombardiert. 108 Tote und 226 Verwundete auf englischer Seite waren das Ergebnis.
Dass der Kampfverband am 13. Juni 1917 London erreichte, schrieb Hauptmann Brandenburg zum großen Teil dem Meteorologen des Geschwaders zu. Er kündigte günstiges Wetter an, in 4.000 m Höhe leichte östliche Winde, über 4.500 m leichte westliche, so dass der Hin- und Rückflug mit dem Wind erfolgen konnte. Im Höhenflug (Verwendung des Atmungsgerätes, das anfangs Schwierigkeiten bereitete) waren bereits bei den ersten Seeflügen Erfahrungen gesammelt worden. Trotz der (leicht zu behebenden) Startschwierigkeiten einiger Maschinen verschob der Geschwaderführer den Start nicht, sondern beachtete die Warnung des Meteorologen vor Gewittern am Nachmittag. Tatsächlich brach, kurz nachdem alle heimgekehrt waren, ein Unwetter aus, das für das fliegende Geschwader eine Katastrophe bedeutet hätte.
Am 14. Juni 1917 wurde Brandenburg in Bad Kreuznach vom Kaiser der Orden » Pour le Mérite verliehen. Beim Start zum Rückflug stürzte das Flugzeug ab. Der Flugzeugführer war tot, Ernst Brandenburg schwer verletzt. Im Februar 1918 übernahm er wieder die Führung seines Geschwaders, das er nun in Gent dezimiert vorfand. Der Versuch, seine Staffeln wieder auf kriegsmäßige Stärke zu bringen, um im März 1918 die Englandflüge erneut aufzunehmen, wurde durch die Ereignisse an der Front vereitelt. Zusammen mit anderen Geschwadern wurde auch Hauptmann Brandenburg mit seinen Fliegern zur Unterstützung des großen deutschen Angriffs im März 1918 an der Westfront eingesetzt. Eisenbahnknotenpunkte, Truppen- und Munitionslager waren das Ziel. Nur noch einmal, in der Nacht vom 19. zum 20. Mai 1918, wurden alle verfügbaren Kräfte zu einem Angriff auf London zusammengefasst.
Das Bombengeschwader blieb an der Westfront. Von Mai 1917 bis Mai 1918 hatte es acht Tag- und Nachtflüge gegen England durchgeführt, dabei 14mal London erreicht. Ca. 100.000 kg Bomben wurden insgesamt auf die englische Insel abgeworfen, 10 englische Flugzeuge abgeschossen.
1920 schied Ernst Brandenburg als Major aus dem Heer aus. Als Luftdezernent im neu gegründeten Verkehrsministerium leitete er seit 1924 die Luftfahrtabteilung. 1925/26 fasste er den deutschen Luftverkehr in der „Deutschen Lufthansa“ zusammen. Später war Dr. Ing. h.c. Ernst Brandenburg, zum Ministerialrat befördert, national-konservativer Vertreter Deutschlands in der Abrüstungskonferenz.
Hier bekannte Stationen in der Zeit des Naziregimes:
1933 wurde Brandenburg mit Ernennung zum Ministerial-Direktor an die Spitze der neuen Abteilung für Kraftfahrt- und Landstraßenwesen im Reichsverkehrsministerium berufen. Seine Aufgabe war die Koordinierung der Vernetzung ziviler und militärischer Luftfahrt.
1942 fiel Ernst Brandenburg im Zusammenhang mit dem „Niemöller-Prozess – Bekennende Kirche“ in Ungnade und verlor sämtliche Posten.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde Brandenburg Berater des Parlamentarischen Rates und beteiligte sich an der Erarbeitung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Bundespräsident Heuss verlieh ihm am 17. April 1952 das Große Bundesverdienstkreuz.
Ernst Brandenburg starb am 1. Juli 1952 in Bonn und wurde auf dem Bonner Südfriedhof neben seiner Frau Lotte bestattet. Das Grab existiert nicht mehr.
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