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(* 21. November 1892 in Berlin Rixsdorf, + 11. März 1946 in Neumünster) war Elektroingenieur und deutscher Fluglehrer im Ersten Weltkrieg. Er überlebte und war nach 1918 u.a. als Segelfluglehrer tätig. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Techniker für die Luftwaffe.

von Gastautorin & Enkelin Marion Widder © 2009

Mein Großvater, Willi Rudolf Julius Jachmann, wurde am 21. November 1892 in Rixsdorf geboren, das 1912 zum späteren Bezirk Berlin-Neukölln eingemeindet wurde. Seine Eltern waren der Obermonteur Paul Jachmann und Marie Jachmann geb. Lutter, "ohne besonderen Beruf“. Willi Jachmann wuchs mit seinen Schwestern Margarete und Martha sowie einem jüngeren Bruder auf, den seine Eltern im Kindesalter adoptiert hatten und der denselben Rufnamen Willi (II.) trug.

Ebenso wie sein Vater wurde Willi Jachmann zum Elektromonteur ausgebildet, und zwar am Flugplatz Johannisthal Berlin. Er erlernte das Fliegen und wurde "Einflieger". Die Stadtvertretung beschwerte sich über diesen "verrückten Flieger", der in halsbrecherischer Weise um den Kirchturm kreiste und unter den Brücken hindurch flog. Anschließend an die Mechaniker-Ausbildung studierte er Elektrotechnik. Noch vor 1914 meldete er sich freiwillig zum Militär und wurde an die Westfront nach Frankreich kommandiert.

Willi Jachmann vor seiner Albatros

Im Frühjahr 1917 wurde er Chefpilot des Armee-Flugparks 6b (AFP 6b), der zu der Zeit in Valenciennes stationiert war und am am 19.07.1916 in Armee-Flugpark 1 (AFP 1) umbenannt wurde. Nach einer Verwundung und Aufenthalt im Lazarett in Speyer wurde er zur Fliegerschule 4 nach Crefeld versetzt. In der Fliegerschule lernte er u.a. den Fluglehrer » Karl Wenzel kennen, der auch Flugschüler ausbildete.

Willi Jachmann mit seinen Flugschülern vor einer Albatros B Schulmaschine auf dem Flugplatz in Krefeld

In Berlin lernte er die Freundin seiner Schwester Margarete, Frida Elisabeth Gertrud Deutsch, geb. am 28. März 1898, kennen. Nach der förmlichen Vorstellung bei ihrem Vater Paul Karras bekamen sie die Erlaubnis für eine erste Verabredung. Am 9. März 1918 heirateten nach der Verlobungszeit der Vizefeldwebel Willi Jachmann und Frida Deutsch aus Rixsdorf in Buko, dem Wohnbezirk der Braut. Buko, ein von den Hugenotten besiedelter Ort, war zu der Zeit noch ländlich und kein Stadtteil Berlins.

Jasta 21: oben Eduard Schleich, Lt. Matthaei, Olt. Nieschke, Uffz. Wagner, Richard Schlieben, Lt. Thomas, Lt. Ziegler, Lt. Paulus, unbekannt, Lt. Raspe, Emil Thuy, unten: Karl Thom, unbekannt, Willi Jachmann.  


Am 2. Mai 1918 nimmt Willi Jachmann an einer Gedächnisfeier für den am 21. April im Luftkampf getöteten » Manfred von Richthofen teil. Das zu diesem Anlass aufgenommene Foto zeigt Jachmann neben » Albert Haussmann, der am 16. Oktober 1918 aus seinem brennenden Flugzeug sprang und starb, weil sich sein Fallschirm nicht öffnete.

oben: Klatt, Misch, Kühnle, Kühlbach, Stephan, Menge, Richard Götze, Debus, Pirnke, Klose, Burmann unten: Gieseke, Willmann, Kern, Rühle, Albert Haussmann, Willi Jachmann, Ebert  

Willi Jachmann arbeitete bis zum Ende des Krieges als Fluglehrer. Nach Ausrufung des Waffenstillstandes am 11.11.1918 gab es für Flieger und Fluglehrer keine Arbeitsmöglichkeit mehr. Auch der Flugzeugbau war durch die Versailler Verträge untersagt. Im Zeitraum 1918 bis 1929 suchte Jachmann ständig Arbeit als Elektroingenieur. Zusammen gerechnet war er 5 Jahre arbeitslos. Die Familie wohnte in Berlin-Neukölln im EG der Jonastraße 48, wo Frida die Portierstelle angenommen hatte. Willi verlegte im Haus u.a. elektrische Leitungen und kümmerte sich um die zentrale Heizung des Wohnblocks. Im Vorderhaus betrieb der Vater von Frida, Paul Karras, einen Laden für Obst und Gemüse. Sehr geschickt führte Willi Jachmann auch die Reparatur von Uhren (Taschen- und Standuhren) aus. Die Rathausuhr von Neukölln funktioniert noch heute. Am 11. November 1919 wurde der Sohn Willi, am 14. Februar 1921 der Sohn Horst und am 12. März 1928 die Tochter Waltraud geboren.

Als der Flugplatz Schönefeld ihm die Möglichkeit bot, nahm Willi Jachmann sofort die Gelegenheit auf, am Segelschulbetrieb zu unterrichten und wieder selbst zu fliegen. Die Familie zog nach Eichwalde. Durch seine Zugehörigkeit zum DLV e.V. bekam er jetzt geregelte Arbeit am Flugplatz. 1934 wurde Berlin-Schönefeld als Verkehrsflughafen eröffnet. Nach ca. 1½ Jahren zog die Familie nach Berlin-Moabit in die Bredow-Straße. Willi Jachmann arbeitete für die AEG Radio Bau / Telefunken. Er reiste sehr viel, war oft monatelang unterwegs und nur noch sehr selten in Berlin.

Am 14. Februar 1937 wurde der Sohn Lothar Manfred Oswald in Berlin geboren. Willis ständige Abwesenheit war für die Familie mit 4 Kindern nicht leicht. Willi nahm mit Fliegerkollegen aus dem Ersten Weltkrieg Kontakt auf und schaffte 1938 seine Versetzung nach Münster. Mit der Aufnahme der Flugzeugproduktion war er im Flugzeugwerk Ludwig Hansen & Co für die technische Überprüfung und elektronische Endabnahme neu gebauter Motorflugzeuge (Messerschmidt BF 109), sowie die Reparatur verschiedener Flugzeugtypen zuständig.

Die beiden ältesten Söhne erhielten hier ihre Ausbildung als Flugzeugbauer bzw. Klempner und Installateur. Beide absolvierten die Flugzeugprüfung. Willi flog selbst noch als "Einflieger". Der Flughafen Loddenheide auf der anderen Seite des Kanals diente für Testflüge und als Flugschule.

Meine Mutter, Rose-Maria Margarete Elisabeth Widder geb. Jachmann stammte als Einzige nicht aus Berlin, sie wurde am 24. April 1939 in Münster/Westf. als jüngstes Kind von Willi geboren und lebte in Hamburg.

Eine Geschichte, die immer wieder gern in der Familie erzählt wurde: Wenn Willi Jachmann mit seinem Flugzeug eine Runde über dem Wohnhaus drehte, setzte sein Frau die Kartoffeln für das Mittagessen auf den Herd.

Im Herbst 1940, nach der Kriegserklärung, zog die Familie mit 3 Kindern nach Graudenz an der Weichsel. Hier übernahm Willi Jachmann die technische Leitung des Flugzeugwerkes Graudenz GmbH. Hauptsächlich wurden Reparaturen von Fokke Wulf und Me 109 sowie Doppelrumpf-Maschinen/Aufklärern mit BMW-Benzinmotoren durchgeführt. Auf dem Flugplatz wurden Flieger ausgebildet und Maschinen getestet. Die Starts erfolgten auf einer nicht-asphaltierten Piste, so dass die Maschinen nur gegen den Wind starten und landen konnten.

Gleichzeitig übernahm Willi Jachmann die Leitung des Segelflugplatzes Vosswinkel. Ab ca. 1944 war er nur noch für die Fliegerausbildung auf Segelfliegern zuständig. Die Flugschüler waren alle Militärs und mit Frontaufklärung und Nachschubversorgung der Truppen an der Front beauftragt.

Sein letzter Einsatz nach der Aufgabe von Graudenz Ende Januar 1945 war im Ort Pölitz bei Stettin. Dort tobte ein monatelanger Stellungskampf, um Flüchtlingen den letzten Weg frei zu halten. Als Leiter der Flüchtlingsleitstelle war er für ihre Versorgung zuständig und für die Aufnahme zurückgelassener Güter. Seine eigene Flucht vor der russischen Armee führte über Schwerin Richtung Schleswig Holstein. In englischer Gefangenschaft (Civil Internments Neumünster Camp I Block A) starb Jachmann als Willi Jackman im Alter von 54 Jahren nach monatelanger Haft und stark abgemagert am 11. März 1946 in Neumünster an den Folgen einer Operation.

Einen Tag darauf wurde sein Bruder in dasselbe Kriegsgefangenenlager verlegt. Als er seinen Namen Willi Jachmann nannte, sagte der Offizier: "Der ist doch gestern gestorben". So erfuhr er vom Tod seines Bruders.

Willi Jachmann wurde am 15. März 1946 auf dem Reihengrab Ge 96, Südfriedhof Neumünster beigesetzt. Eine spätere Umbettung erfolgte auf den Nordfriedhof, Kriegsgräberfeld, Nordost II., Nr. 130.

gez. Marion Widder © März 2009
» marion.widder@gmx.de

Weiterführende Links:
» Fotoalbum von Karl Wenzel

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