(* 08.Juni.1894 in Olgersdorf/Mecklenburg + 07.Juni 1976 in Neugraben) war Flugzeugführer und hochdekorierter Zivil- und später Aufklärungsflieger im Ersten Weltkrieg.
von Gastautor Gerhard Friedrich Dose (+ 12.09.2008) © 2008
Gerhard Marinus August Robert Petersen wurde am 08. Juni 1894 in Olgershof/Mecklenburg geboren. Sein Vater pachtete kurz danach das Gut Ovendorf in Holstein. Nachdem seine Eltern 1903 nach Lentföhrden gezogen waren, ging er in Bad Oldesloe auf das Gymnasium. Hier lernte er in den Schulferien schon als Junge seinen späteren Beobachter, » Franz-Joseph Baron von Lilien, Erbsälzer zu Werl, kennen, der seine Ferien von der Kadettenschule bei seinen Tanten Emma Stahl, geb. Dieck oder Alwine Jonas, geb. Dieck verbrachte.
Nach der Schule ging er nach Johannisthal und lernte das Fliegen und machte noch nicht ganz 20-Jährig die Flugzeugführerprüfung am 14. Februar 1914, Nr. 669, auf einer Jeannin-Stahltaube. Nachdem er mit diversen Firmen (Benzin, Öl, Propeller, Motor) Verträge abgeschlossen hatte, rüstete er den Doppeldecker um. Als Zusatztank baute er einen gereinigten Gasbadeofen in den zweiten Sitz ein. Um das Benzin auch zum Motor zu bekommen, installierte er bei seinem Sitz eine Handflügelpumpe, die das Benzin in einen kleinen Zwischentank förderte. Ein Schauglas zeigte ihm an, wann er wieder nachpumpen musste. Als Landkarte diente ihm eine Mitropakarte aus dem Speisewagen des D-Zuges Neumünster – Berlin. Als Wegweiser diente die Eisenbahnstrecke Neumünster – Bad Oldesloe – Ratzeburg – Hagenow-Land – Neustadt an der Dosse nach Berlin. Gut vorbereitet startet er am 01. April 1914 in Neumünster und flog die vorgeplante Route nach Berlin, das in einer Dunstglocke lag, die er umflog. Sein Benzinvorrat ließ es zu, weiter nach Frankfurt/Oder und auch wieder zurück nach Berlin-Johannisthal zu fliegen. Dort kreiste er solange, bis der letzte Tropfen Treibstoff verbraucht war. Er landete nach 11 1/2 Stunden Flugzeit und gewinnt den Kaiserpreis. Weltrekord. Die AEG wird auf ihn aufmerksam und stellt ihn daraufhin als Einflieger und Fluglehrer ein.
Gerhard Petersen auf dem Flugtag in Lentföhrden
(A.E.G. Militär Doppeldecker) beim Passagierfliegen am 13. Juli 1914
Am 11. Juli 1914 sandte er seinem Vater ein Telegramm, dass er am folgenden Tage gegen 11:00 Uhr auf der Weide neben der Hauptstraße landen würde. Es herrsche Aufregung im Dorf, denn alle wollten das Ereignis erleben. Am 12. Juli startete Gerhard Petersen mit einem Flugschüler als Co-Pilot gegen 7:45 Uhr in Berlin und war nach drei Stunden Flugzeit in Lentföhrden. Er sah, dass der von ihm vorgesehene Landplatz voller neugieriger Menschen war, kreiste ein paar Mal um den Platz und entschied sich aus Sicherheitsgründen auf einer abseits gelegenen Weide an der Straße nach Weddelbrook zu landen. Die Landung klappte trotz des unebenen Geländes ohne Probleme. Alles strömte und hastete zum neuen Landeplatz. Zum Empfangskomitee gehörte neben seinem Vater der Meierist Johannes Holst, Lehrer Matthias Foderberg und der Gastwirt Max Jipp.
Am nächsten Tag hatte Gerhard Petersen beim ersten Start Pech. Der Propeller berührte wegen des unebenen Geländes den Boden und wurde beschädigt. Da das zu der Zeit nichts Außergewöhnliches war, hatte die Piloten in den meisten Fällen einen Ersatzpropeller dabei. So auch hier. Nach der Montage des Propellers konnten einige Einwohner ihren Ort aus der Vogelsperspektive betrachten. Nach einigen Rundflügen verabschiedete er sich von seinem Vater und flog erst nach Bad Oldesloe und dann nach Berlin zurück.
Zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde der beschädigte Propeller lange Zeit in Ehren gehalten und in der Lentföhrdener Bahnhofsgastwirtschaft aufbewahrt. Der Propeller befindet sich derzeit im Besitz von Manfred Katzer in Lentföhrden.
Beschädigter Propeller vom 13. Juli 1914
Auf der Nabe steht: "Integral-Propeller für 120 PS Argus Motor 6 Cylinder"
Bei Kriegsbeginn am 02. August 1914 meldet er sich mit einem AEG-Flugzeug freiwillig zur Armee, wird sofort an der Ostfront in Ostpreußen eingesetzt. Schon nach kurzer Zeit wird er zur der am 22. August 1914 aufgestellte FFA 35 versetzt und fliegt in Galizien Aufklärungsflüge. Im „Segeberger Kreis- und Tageblatt“ wird am 26. Oktober 1914 berichtet, dass Gerhard Petersen inzwischen beide „Eiserne Kreuze“ bekommen hatte und erst zum Unteroffizier befördert und kurz drauf zum Offizierstellvertreter ernannt wurde. Auch wurde berichtet, dass er bei sehr stürmischem Wetter eine schlachtentscheidende Aufklärung geflogen hatte. Auf Grund seiner Meldung wurden die Russen vollständig geschlagen und über 1500 Gefangene gemacht. Er wurde dafür vom Generalfeldmarschall von Hindenburg empfangen.
Er war am dem Tage um 11:00 Uhr gestartet und hatte für die 20 km Entfernung wegen des sehr starken Sturms fast eine Stunde benötigt. Aus einer Höhe von 600 m sah er das Schlachtfeld und ca. 20 brennende Ortschaften von größerer Entfernung. Wegen der Wolkenbildung über dem Schlachtfeld überflog er in 300 m Höhe das Schlachtfeld eine Stunde lang. Trotz heftigen Schrapnellfeuers und dichtem Kugelhagel hielt er aus und drei Stunden nach dem Start hatte er die wichtige Meldung beim Oberkommando abgegeben. Beim Rückflug flog er mit 180 km/h über Grund wegen des Rückenwindes.
Die vorgenannte Zeitung berichtete am 19. Dezember 1914, dass er vom Kaiser von Österreich das „Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille“ verliehen bekommen hat. Das war der höchste österreichische Kriegsorden.
Am 26. August 1915 berichtete die Zeitung, dass der Offizierstellvertreter Gerhard Petersen zum Leutnant befördert worden war. Im September 1915 wird ihm ein Beobachter zugeteilt. Es ist zufällig sein Jugendfreund, Leutnant » Franz-Joseph Baron von Lilien. Franz-Joseph meldete sich bei der FFA 35. Bei seiner Ankunft wurde ihm gesagt, dass sein Flugzeugführer derzeit in der Luft sei und er möge doch die ca. halbe Stunde im Kasino warten. Als Gerhard gelandet war, sagte man ihm, dass sein Beobachter angekommen sei und im Kasino warte. Er ging ins Kasino, sah nur seinen alten Jugendfreund und fragte ihn, warum er denn hier sei. Franz-Joseph antwortete ihm, dass er hier als Beobachter zugeteilt worden sei. „Na, dann fliegst Du mit mir“, war die Antwort von Gerhard Petersen. Das taten sie dann auch bis zum Abzug aus Russland im Mai 1918.
Im Mai 1916 lagen sie bei Slonim, wo sie auch der Kaiser aufsuchte, und im August 1916 in Xaverpol, südlich Slonim. Am 11. Januar 1917 wurde die FFA 35 zur FA 35 umbenannt. Ab Februar 1918 waren sie in Baranowitschi stationiert. Im Mai 1918 verließen sie Russland. Gerhard Petersen war ein leidenschaftlicher Jäger. Er konnte damit seiner Einheit oftmals zu einer Zusatzration Fleisch verhelfen.
Im September 1919 heiratet er in Berlin Gertrude Sophie Jüngel, geb. 30. November 1894 in Trebbin/Teltow. Nach dem Kriege war er beim Demobilisierungskommando in Berlin-Johannisthal. Bei einer Inspektion von alliierten Offizieren über die Demobilisierung von Flugzeugen wurde diesen von einer Seite eine Halle gezeigt, wo die „zerstörten“ Motoren lagen. Man hatte lediglich in die Ölwannen ein Loch gebohrt. Von der anderen Seite zeigte man dann die „demontierten“ Flugzeuge ohne Motoren. Ein belgischer Offizier fragte dann Gerhard leise: „Sagen Sie, Herr Kamerad, was haben sie denn im Mittelstück, was wir nicht sehen konnten?“ Gerhard antwortete ihm, dass dort einsatzbereite Flugzeuge wären. Der belgische Offizier sagte dann zu ihm, dass er das ähnlich gemacht hätte.
Anschließend flog er für die Luftlinie Berlin–Weimar. Hierfür wurden ehemalige Bombenflugzeuge umgerüstet, indem in den Bombenschächten Sitze eingebaut wurden. Danach war er bei der Hamburger Polizei in der Polizeifliegerstaffel. Nach dem Verbot der Polizeiflieger durch die Alliierten wechselte er in die Kraftfahrzeugstaffel.
1934 ging er, inzwischen Hauptmann, zur Luftwaffe, war Luftfahrtsachverständiger für Mecklenburg, Pommern und Ostpreußen. 1936 organisierte er die Flüge zur Luftparade anlässlich der Olympischen Spiele in Berlin. Hierfür hat er alle an der Parade teilnehmenden Flugzeugtypen zwecks Zeitabstimmung vorher selbst geflogen.
Während des Krieges 1939 bis 1945 war er als Oberst vom 15. Oktober 1942 bis zum 07. April 1944 Kommandeur des Flughafen-Bereichs-Kommando 25/III und danach Divisionskommandeur in Norwegen. Bei Kriegsende war er in Berlin. Anfangs durfte er noch nach Hause gehen, musste sich aber jeden Tag bei den Russen melden. Nach wenigen Tagen kam er nicht wieder nach Hause und so in russische Gefangenschaft nach Sibirien. Erst als er fast blind war, wurde er 1953 entlassen. Gerhard Petersen wohnte mit seiner Frau erst in Halstenbek, zog am 10. 08. 1955 nach Hamburg und am 21. 06 1962 ins Marie-Kroos-Stift in Neugraben. Er starb am 07. Juni 1976 einen Tage vor seinem 82. Geburtstag. Seine Frau starb am 12. November 1977, 18 Tage vor ihrem 83. Geburtstag.
gez. Gerhard Friedrich Dose © März 2008
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