Im Silberkondor über Feuerland. Gunther Plüschow bekannt als der Flieger von Tsingtau, ein Flugpionier und Marineflieger
von Gastautor Gerhard H. Ehlers, Odenthal 2007
Meldung des Transradio-Depeschen-Dienstes Buenos Aires, Argentinien, vom 28. Januar 1931 um fünf Uhr Südzeit:
"kapitaen gunther plueschow und begleiter mit flugzeug silberkondor toedlich abgestuerzt – stop – ueber nebenarm des argentino-see, westrand patagonischer kordilliere – stop"
Menschen auf der ganzen Welt nahmen erschüttert die Nachricht vom Tod Gunther Plüschows und seines Bordingenieurs Ernst Dreblow zur Kenntnis. Der Pilot des Heinkel-Doppeldeckers mit der Nummer D-1313 war schon zu Lebzeiten eine Legende. Bücher und Filme hatten ihn und seine Leistungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltbekannt gemacht.
Während Gunther Plüschow in Deutschland heute nahezu unbekannt ist, wurde erst im Dezember 2006 im chilenischen Punta Arenas, an der Magellan-Straße, ein Platz nach Plüschow benannt und Anfang Oktober dieses Jahres fand im argentinischen Nationalkongress eine Feierstunde zu Ehren des deutschen Flugpioniers statt.
Gunther Plüschow wird am 08. Februar 1886 in München geboren, seine Familie zieht zunächst für einige Jahre nach Rom, doch seine Wurzeln hat Plüschow im Norden Deutschlands: Großvater Friedrich Carl Eduard (geb. 1808) war ein unehelicher Sohn des Erbgroßherzogs Friedrich-Ludwig von Mecklenburg-Schwerin (1778–1819).
Ab 1895 wohnen die Plüschows wieder in Mecklenburg, der Vater übernimmt eine Stelle als Konservator im Kupferstichkabinett des Schweriner Museums. Zwischen Schweriner Dom und den Seen der Umgebung erlebt der kleine Gunther unbeschwerte Jahre. Er lernt Reiten und Segeln und lauscht gespannt den Erzählungen eines pensionierten Kapitäns, eines Freundes der Familie. Das Seemannsgarn weckt seine Sehnsucht nach fernen Ländern und Abenteuern. Aber zunächst kommt es anders.
| Gunther Plüschow in seiner Rumpler Taube auf dem Flugplatz Johannisthal kurz vor der Abreise nach Tsingtau. |
Im Alter von 10 Jahren beginnt er eine klassische Militärausbildung: Kadettenanstalt, Offizier der kaiserlichen Marine und schließlich Marineflieger der Festung Tsingtau in der deutschen Handelskolonie Kiautschou (China). Unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkrieges gelingt ihm dann mit seinem Flugzeug (Rumpler-Taube) der Aufsehen erregende Ausbruch aus der von japanischen Truppen belagerten Festung in Fernen Osten. Nach neunmonatiger spektakulärer Flucht durch China, die USA und England trifft er im Juli 1915 in Deutschland ein. Ein Jahr später erscheint sein erstes Buch "Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau“, welches eine Auflage von über 700.000 Exemplaren erreicht. Plüschow behält diesen „Titel“ bis an sein Lebensende, er ist ein Held und weit über die Grenzen Deutschlands bekannt. Dekoriert mit dem "Königlichen Hausorden von Hohenzollern" ist Plüschow zum Kriegsende 1918 Kommandant auf verschiedenen Seeflugstationen und Führer von Seefliegerabteilungen der Kaiserlichen Marine, auch in Kiel-Holtenau und Libau/Baltikum.
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Hoher Besuch in Holtenau, ca. 1917/1918 v.l.n.r. : Großherzogin v. Braunschweig, Prinzessin Heinrich v. Preußen, Kapitänleutnant Plüschow, Prinz Heinrich v. Preußen, Offizierswachdiensttuender (Archiv Gerhard H. Ehlers, Odenthal) |
Seine Biographie der Nachkriegsjahre liest sich wie die eines Helden aus einem Roman von Erich Maria Remarque: Reporter, Kinoansager, Depeschen- und Zeitungsflieger, Autoverkäufer, Motorrad-Weltrekordfahrer und Handlungsreisender in Sachen Stahl. Dann, endlich, 1925 ein Neuanfang. Plüschow macht das Patent zum Kapitän auf Großer Fahrt, bereist das Mittelmeer und segelt bis 1926 mit der Viermastbark „Parma“ um Kap Hoorn und an die Küsten Chiles. Und er beschreibt auch dieses Abenteuer in einem Buch, veröffentlicht einen Film, hält Vorträge und lernt so Menschen kennen, die ihn bei der Realisierung seines großen Traumes unterstützen können und werden: einer Expedition nach Feuerland. Seit seiner Kindheit in Schwerin hat Plüschow von diesem stürmischen südlichsten Teil der Erde geträumt.
Im November 1927 ist es dann so weit, die zurück liegenden Mühen und Rückschläge sind vergessen, Förderer wurden gefunden und Spenden entgegen genommen. Ein zum Forschungsschiff modifizierter Büsumer Fischkutter und ein Stoff bespannter Doppeldecker sind bereit für das bisher größte Abenteuer des Kapitäns Plüschow, eine Reise nach Tierra del Fuego. Und er hat eine „Crew“, eine Mannschaft, mit der er diese lange, anstrengende und gefährliche Fahrt in Richtung Kap Hoorn und um Feuerland wagen will: Kurt Neubert, Karl Kolle, Josef Schmitt, Paul Christiansen und Ernst Dreblow, ein 34 jähriger Mitarbeiter der Berliner Askania-Werke aus Brandenburg. Zunächst aber trennen sich die Wege der sechs Wagemutigen. Der Flugzeug- und Motorenspezialist Dreblow begleitet den sorgfältig zerlegten und in Kisten verpackten Doppeldecker vom Typ HD 24 W, den SILBERKONDOR, an Bord eines Dampfers der Reederei Laeisz in das an der Nordküste der Magellanstraße gelegene chilenische Punta Arenas. Die anderen begeben sich in der „Holzpantine“, so nannte Plüschow sein Schiff, über den Ozean in Richtung Südwesten. Dreblow erreicht sein Ziel bereits Ende 1927, Plüschow mit Schiff und Besatzung erst im Oktober 1928. Er musste noch im brasilianischen Urwald deutsche Siedler und Eingeborene filmen, so wollte es sein wichtigster Sponsor, der Berliner Ullstein Verlag.
In den folgenden Monaten überflogen der Pilot Plüschow und der Bordingenieur und Kameramann Ernst Dreblow als erste Menschen die Darwin-Kordillere auf der großen Feuerlandinsel, das Kap Hoorn und die Torres del Paine in Patagonien. Sie waren fasziniert von der überwältigenden Schönheit des patagonischen Inlandeises und brachten von ihren Flügen, oft unter Lebensgefahr, zum ersten Mal Fotos und Filmmaterial von diesen bis dahin unerforschten Gegenden des südlichsten Teils des amerikanischen Sub-Kontinentes mit.
Nach seiner Rückkehr aus dem tiefsten Süden dieser Erde im Jahre 1929 veröffentlicht der mittlerweile in Berlin wohnende Plüschow in Deutschland ein weiteres Buch: „Silberkondor über Feuerland“. Sein gleichnamiger Film wird ein großer Erfolg, und die spektakulärsten Sequenzen, die noch nie zuvor gesehenen sensationellen Luftaufnahmen der vereisten Gipfel Feuerlands begeistern das Publikum.
Obwohl es gilt, in diesen Monaten unzählige Aufgaben zu erledigen: Er hält Vorträge, begleitet die Veröffentlichung seines neuen Buches und des aktuellen Films, trifft potenzielle Sponsoren für seine zweite Feuerlandreise. Trotz all dieser Verpflichtungen sucht und findet er Zeit, in seine mecklenburgische Heimat zu fahren und Freunde zu besuchen.
Montage des Heinkel Doppeldeckers in Punta Arenas
vorne Gunther Plüschow [1928] (Archiv Gerhard H. Ehlers, Odenthal)
Im Juli 1930 brechen der Flieger von Tsingtau und sein Compañero noch einmal auf in Richtung Feuerland und Patagonien. Diesmal begibt sich nicht nur der legendäre Weltkriegspilot und Abenteurer auf die weite Reise, es ist der sehr erfolgreiche Autor und Dokumentarfilmer, der Entdecker und Forscher Gunther Plüschow, der mit seinem unentbehrliche Fahrtgenossen Ernst Dreblow zu einer weiteren Expedition an das Ende der Welt aufbricht. Diesmal wollen sie die Andenkordilleren nordwärts bis El Calafate in der argentinischen Provinz Santa Cruz befliegen, um letzte weiße Flecken von der Landkarte zu tilgen und als Erste den majestätischen Gletscher Perito Moreno aus der Luft zu sehen. Und wieder macht Plüschow Notizen, fotografiert, und wieder bedient Ernst Dreblow die Filmmaschine.
Es wird ihre letzte gemeinsame große Reise, denn diesmal ereilt den erfahrenen Piloten und seinen treuen Begleiter das Fliegerschicksal. Auf Grund eines technischen Defektes stürzt die „Tsingtau D 1313“, genannt SILBERKONDOR, in die eisigen Fluten des Rico-Sees, unweit des Perito-Moreno Gletschers. Die sterblichen Überreste der beiden Flugpioniere werden in ihre Heimat überführt und unter großer Anteilnahme der Medien, der Reichsregierung und der Berliner Bevölkerung auf dem Friedhof in Berlin-Marienfelde beigesetzt. Heute befindet sich das Grab von Ernst Dreblow auf dem Weinberg-Friedhof im brandenburgischen Rathenow, nordwestlich von Berlin.
In den Museen von Punta Arenas (Chile, Magellanstraße) und Ushuaia ( Argentinien, Große Feuerlandinsel), zwei der südlichsten Städte der Welt, findet man heute noch Vitrinen mit Fotos und Erinnerungsstücken an den Flugpionier, seinen Luftkameraden und ihr Flugzeug.
Sie erinnern an einen begeisterten Piloten und seinen braven Begleiter, an zwei Deutsche, die mit einem in Warnemünde (Ostsee) gebauten Doppeldecker den südlichsten Teil Südamerikas als Erste überflogen, erforschten und fotografierten. Und obwohl sie sich bestens auskannten in den von ihnen gefilmten und kartografierten zahllosen Kanälen und schneebedeckten Gebirgen Feuerlands: In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg waren Sie zu Hause.
In den vergangenen Jahren hat sich der Freundeskreis GUNTHER PLÜSCHOW intensiv mit dem Leben und den Taten des leider noch immer recht unbekannten Flugpioniers beschäftigt. Die Mitglieder fühlen sich dem Andenken an diese außergewöhnliche Persönlichkeit aus unterschiedlichen Gründen verpflichtet. In Vorträgen, Zeitungsartikeln und Ausstellungen wurde seine beeindruckende Entwicklung vom „Flieger von Tsingtau“ zum Schriftsteller, Forscher, Entdecker und Filmemacher dokumentiert.
Text und Recherche: Gerhard H. Ehlers, Odenthal 2007
Fragen, Kommentare senden Sie bitte an:
» FK-Gunther-Plueschow@web.de
oder
Freundeskreis GUNTHER PLÜSCHOW
c/o Gerhard H. Ehlers
51519 Odenthal
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Tel: 02174 - 74 84 81
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