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(* 25. Februar 1896 in Siegen, + 30. Oktober 1917 in Marle, Frankreich) war deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg und stürzte bei einem Testflug mit seiner Fokker Dr.I ab.


Bei Kriegsbeginn rückte der junge Gontermann beim Thüringischen Ulanenregiment Nr. 6 ein, dem Regiment, bei dem auch sein Vater schon gedient hatte. Am 13. Februar war er ins Feld gezogen. Den körperlichen Strapazen nicht gewachsen, wurde er nach kurzer Zeit ins Krankenhaus nach Douai gebracht.

Nach seiner Genesung kam Gontermann im Frühjahr 1915 zur Maschinengewehr-Ausbildung nach Döberitz. Nach Beendigung des MG-Kurses kam er mit 19 Jahren 1915 als Zugführer nach Mainz und dann an die Vogesenfront. Längere Zeit blieb er bei der MG-Kompanie des 80. Füsilier-Regiments, bei dem er am 19. November zum Leutnant befördert wurde. Gontermann wurde dann sofort zu einem Ersatz-Truppenteil versetzt, unter gleichzeitiger Kommandierung zur Flieger-Ersatz-Abteilung 1 (FEA 1) in Döberitz zwecks Ausbildung zum Flugzeugführer.

Nach Ablegung der Pilotenprüfung in Johannisthal kam Gontermann nach Altenburg, wo er drei Monate blieb. Am Tag seiner Versetzung zum Versuchs- und Übungspark West sollte er noch einen größeren Geschwaderflug mitmachen. Gleich beim Start machte er seinen ersten Bruch. Von Altenburg ging er dann nach Tergnier zum Übungsplatz West, wo Leutnant Gontermann seine hindernisreiche dritte Prüfung machte. Im Herbst 1916 musste er nach Köln Bickendorf zur Kampf- und Einsitzerschule zurück, wo auch Leutnant » Werner Dittmann seine Flugzeugführerprüfung abgelegt hat. Einen Tag nach der Feldpiloten-Prüfung wurde er der Jagdstaffel 5 der 1. Armee zugeteilt, wo er am 14. November 1916 auf seinem ersten Frontflug gegen 16:30 Uhr seinen ersten Gegner, einen Engländer in einem Sopwith Pup Doppeldecker, abschoss.

Heinrich Gontermann bei der Jagdstaffel 5 vor seiner Albatros D.III D.2243/16 mit Nummer "2" auf dem Rumpf. Das Foto wurde im April 1917 in Boistrancourt aufgenommen. (Foto: Rainer Absmeier Collection)  

Aus dem Tagebuch von Heinrich Gontermann im Orginaltext

18. März 1916
Ich habe gestern vier Achthundertmeter-Landungen gemacht. Das erste Mal allein in dieser Höhe – bei untergehender Sonne! So ganz auf sich angewiesen. Da heißt es: aufpassen! Nur auf die Maschine bauend. Man bekommt eine eigenartige Liebe zu dem Apparat, der einen so hoch nach oben getragen hat. Noch mehr als der Reiter zu seinem Pferde. Aber wiederum hat man das Gefühl, als stände man mit einer Schere in der Hand vor dem Faden, an dem das Leben hängt. Ein Zucken mit der Hand – und der Faden ist durchschnitten, der sonst nicht abgerissen wäre. So hat man da oben sein Leben in der Hand. Ein wunderbares Gefühl für den, der Mut hat! Ein teuflisches für den, der ängstlich ist. Der Körper in meiner Hand, die Seele in Gottes Hand! Das gibt Mut. Dies immer fester zu begreifen, das soll mir eins meiner Ideale sein.

28. März 1917
Vor einigen Tagen fiel unser lieber Theiller. Er hat einen einzigen Zufallstreffer erhalten und ist vor der Landung verblutet. Morgen wird er überführt. Er hat zehn Flugzeuge und einen Fesselballon vernichtet. Sehr traurig ist das. Aber es soll uns nicht abhalten, mit demselben Mut weiterzukämpfen. – Wie einfach ist das ganze Fliegen, wenn man es einmal begriffen hat. Überhaupt weiß ich nicht, was es gewesen ist; aber die ganze Luftkämpferei kommt mir mit einem Male viel einfacher vor. Jetzt heißt es: Sich nicht vom Ergeiz überrumpeln zu lassen. Ich weiß, daß ich nicht mir selbst angehöre, sondern daß ich von einer höheren Macht geschaffen bin. Darum habe ich mir`s auch nicht selbst zu verdanken. Mir ist mein Fortschritt darum so wichtig, um für die Mitwelt einen Trumpf in der Hand zu haben; um ihnen zu beweisen, daß die, welche ihre Sache mit Gott machen wollen, nicht stümperhaft sind. Außerdem kämpfe ich ja für mein Vaterland. Ich muß tun, was ich kann. ‚Was dabei herauskommt, ist nicht meine Sache.

25. März 1917
Heute schoß ich einen Zweisitzer über der englischen Linie ab. Er zerbrach zu Staub in der Luft. Es sah schauderhaft aus. Es ist ein grausiges Handwerk, aber man tut ja nur seine Pflicht. Es ist jedesmal ein Sieg deutschen Geistes.

7. April 1917
Gestern habe ich meinen siebten abgeschossen. Es war am Karfreitag. » Hans Berr führte das Geschwader. Kurz nach dem Start erreichten wir in etwa zweitausendvierhundert Meter Höhe ein englisches Geschwader zwischen Cambrai und Valenciennes. Da ereignete sich etwas Schreckliches. Vizefeldwebel St.* Wollte einen Vickers von hinten anfliegen. Er war noch etwa dreihundert Meter hinter ihm, als Berr von links kam und direkt in die Maschine von St.* stieß. Es gab eine große Staubwolke. Ich wußte: Nun sind » Hans Berr und St.* tot! Das war ein schrecklicher Augenblick. Ich überlegte erst kurz, und nur mit aller Energie gelang es mir, sofort einen Luftkampf mit einem Vickers, dem Geschwaderführer der Engländer, aufzunehmen. Nach kurzem Kurvenkampf gab er`s auf und landete glatt bei Neuville. Ich blieb stets hinter ihm und schoß, wenn er Anstalten machte, auszureißen. Der Beobachter war an Kopf und Bein verwundet. Ich habe etwa zehn Schuß gebraucht. Dann führen wir zu Berrs und St.‘s* Unglücksstätte. Ein Knäuel von Bruchstücken war noch zu sehen, kaum festzustellen, ob es zwei oder eine Maschine wäre. Berr lag hundert Meter davon und St.* zwanzig Meter. Das traf uns alle furchtbar. Gerade in der letzten Zeit war Berr ganz besonders nett gewesen. – Von den Schrecken des gestrigen Tages habe ich mich sonderbarerweise recht schnell erholt. Man hat sich eben schon vorher zu sehr mit diesen Gedanken abgefunden, was alles geschehen kann. Es war gestern ein Augenblick, und ich hatte den schrecklichen Anblick vergessen. Was soll man auch sonst machen im Luftkampf?

29. Mai 1917
Wie ich mich freue, meinen besten Freund Leutnant v. Budde in meiner Staffel zu haben. Eine schöne Männerfreundschaft ist doch etwas Herrliches. Wo sollte überhaupt der Mensch hin, wenn er all das Schöne, Ideale, das unserer Zeit so fernliegt, missen würde. Man muß fest stehen, um sich nicht von dem schauderhaften, trivialen Realismus unterkriegen zu lassen. Da kann einem ein guter Freund viel sein! Ich komme mir überhaupt in diesem Frühling vor als ein ganz fabelhafter Glücksvogel, was ich ja allerdings immer gewesen bin. Aber doch nicht so wie in diesem Frühling! Meine kühnsten Träume sind erfüllt worden. Vier Wochen Urlaub! Dazu das Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, und noch vieles andere. Nur eins bedaure ich immer. In den ersten Stunden kommt es mir alles kaum zum Bewußtsein. Man erlebt tatsächlich so viel, daß man die Größe der Ereignisse vollkommen unterschätzt. Es ist wirklich nicht so einfach, sein Schicksal, auch wenn`s Glück ist, richtig zu verdauen. Und gerade dabei rutscht so mancher aus. – Ein klein wenig merke ich wohl, daß einem die Ausspannung gut tut. Ich habe zuviel in der kurzen Zeit zu verdauen. Bis man da mal durch ist, dauert‘s eine ganze Weile.

10. Juli 1917
Ich flog an der Front und wurde urplötzlich von vorne von einem Franzosen beschossen. Von vorn greift man sonst nie an, sondern stets von hinten, und daher gibt man auch mehr acht auf das, was von hinten kommt. Ein Schuß ging mir am rechten Auge vorbei und zerschlug mir die Brille. Weiter hat`s nichts gemacht. Der Schlag an der rechten Kopfseite verursachte eine ganz kleine Anschwellung. Außerdem schlug ein Brandgeschoß durch die Karosserie, prallte an einem Eisenknopf von meinem Mantel ab und fiel in die Karosserie. Es gab eine ziemliche Flamme, so daß ich tatsächlich alles aufgab. Da Feuer ging aber nach einiger Zeit wieder aus. Ich kann mir noch ganz genau den Augenblick vorstellen. Es ist aber zu schwer, das zu schildern, und es würde doch nur ein verzerrtes Bild herauskommen. Etwas wirklich Schreckliches habe ich meiner Meinung nach nicht empfunden.
….Ich dachte einen kurzen Moment: Sollte es wirklich jetzt aus sein? Ruhig blieb ich wohl ganz; und schrecklich war es wohl, aber es schien mir nicht so. Körperlich hatte mir die Sache wenig geschadet. Dagegen dauerte es einige Zeit, bis ich das verarbeitet hatte.

3. Juli 1917
Wenn einem mal eine Kugel so dicht am Leben vorbeigegangen ist, dann denkt man doch, und muß es ja denken, um wieder neue Hoffnung zu gewinnen: „Du bist immer noch nicht vorsichtig genug gewesen – und mit mehr Vorsicht wirst Du das nicht noch mal erleben.“ Sonst müßte man ja voll und ganz das Vertrauen verlieren. Wahrscheinlich war ich trotzdem zu unvorsichtig, ohne daß ich`s merkte, und ich sollte dadurch aufgerüttelt werden. – Sorgt bitte dafür, daß man in Siegen nicht zuviel Federlesens macht wegen meiner Erfolge. Es ist ja allerlei – aber das Schönste ist doch, wenn man ruhig bleibt und es als Geschenk allein betrachtet.

28. Oktober 1917
Vorgestern habe ich meinen sagenhaften Dreidecker, allerdings bei recht schlechtem Wetter, geflogen. Hoffentlich bewährt sich die Kiste an der Front besser als die » Richthofens, womit der liebe » Kurt Wolff abgeschossen wurde, und » Werner Voß, der auch mit dem Dreidecker abgeschossen wurde. Jedenfalls werde ich mit meiner ganzen Ruhe und Vorsicht die Fühler ausstrecken. – Ich habe so meine verschiedenen Stellen in Deutschland, wo ein mich stärkendes Licht steht. Überall sind es sorgende Gedanken der Liebe, deren Einfluß ich in ruhigen Stunden spüre und die stets unsichtbar helfen. Durch die Liebe – durch Gott sind alle diejenigen Menschen seelisch verbunden, die wirklich wissen, was Liebe ist. Die das Stückchen Liebe, das sie empfangen haben und womit sie arbeiten dürfen und sollen, wirklich fühlen und erfahren.

* bei St. handelt es sich nach Recherchen der Redaktion vermutlich um Vizefeldwebel Hoppe?

Quelle: "Flieger am Feind" von Werner v. Langsdorff © 1934  


Am 5. März 1917 erhielt Gontermann das Eiserne Kreuz I. Klasse. Am Tag darauf schoss er aus einem Verband von vier englischen Vickers einen aus 600 Meter brennend ab. » Hans Berr, der bereits mit dem » Pour le Mérite ausgezeichnet war, führte das Geschwader. Kurz nach dem Start erreichten die Flugzeuge in etwa 2400 Meter ein englisches Geschwader zwischen Cambrai und Valenciennes. Gontermann schoss seinen siebten Gegner ab. Bei der Verfolgung einer englischen Vickers kam es zu einem Unfall, bei dem Vizefeldwebel Hoppe und » Hans Berr zusammenstießen und abstürzten.

Nach dem Tod von Hans Berr wurde Gontermann Führer der Jagdstaffel 5. Am 30. April wurde Gontermann von der Jagdstaffel 5 als Führer zur Jasta 15 versetzt. Am 5. Mai wurde ihm vom Kommandierenden General der Luftstreitkräfte (KoGenLuft) » Ernst von Hoeppner der Abschuss eines Freiballons vom 26. April 1917 um 11:50 als siegreicher 15. Luftkampf zuerkannt und ganz besondere Anerkennung ausgesprochen. In der Zeit vom 6. April bis 11. Mai 1917 hatte Gontermann die Zahl seiner Abschüsse von 5 auf 21 erhöht. Am 15. Mai 1917 erhielt er den Orden » Pour le Mérite. Am 18. August schoss er vier Fesselballone und ein Flugzeug ab, am 19. August hatte er 17 Fesselballone und 17 Flugzeuge abgeschossen.

Die Jagdstaffel 15 hatte neue Maschinen bekommen, Fokker-Dreidecker, die Gontermann einfliegen sollte. Dabei stürzte er am 30. Oktober 1917 ab und starb, mit 21 Jahren. Er wurde am 6. November 1917 in der Erbbegräbnisstätte der Familie Gontermann auf dem Lindenbergfriedhof in Siegen bestattet.

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Kommentar: 1 von raineranton erstellt am : 10.10.2010 21:32 gespeichert
Bevor Gontermann am 11. November 1916 zur Jagdstaffel 5 kam, flog er bei der Feldflieger-Abteilung 25 Aufklärungseinsätze.
Nach Hans Berr wurde der damals 38-Jährige Hptm. Hans von Hünerbein Staffelführer der Jagdstaffel 5. Gontermann war nie offiziell Staffelführer der Jagdstaffel 5, aber er führte die Staffel wohl in der Luft.
Nachdem Gontermann den Orden Pour le Mérite erhielt, wurde er daraufhin auf die übliche Rundreise geschickt, um für die Flieger zu werben. Er musste die Tour jedoch abbrechen und schnell wieder an die Front zurück, weil inzwischen vier Piloten von seiner Staffel im Luftkampf gefallen waren.
Gontermann erhielt neben den Piloten der Jasta 11 als einer der ersten einen Fokker Dreidecker Dr. I. Die Flugzeugnummer war 115/17. Dies war die einzige Maschine, welche die Jasta 15 vorerst bekam. Gontermann war zu diesem Zeitpunkt hinter Manfred von Richthofen der erfolgreichste lebende deutsche Jagdflieger und war auch als einer der fähigsten Piloten hinlänglich fliegerischem Können sehr bekannt. Sein (zweiter) Probeflug mit anschließendem Absturz fand am 29. Oktober 1917 statt. Einen Tag später erlag Gontermann seinen schweren Kopfverletzungen, die er sich beim Aufprall auf die MG-Schlösser zugezogen hatte. (Neal W. O'Connor hat in Band IV seiner Aviation Awards of Imperial Germany in World War I-Reihe eine Berichtigung bzgl. des Datums des Unglücks gemacht.). Auch bei der Jasta 11 gab es Unglücke dieser Art (Lt. Pastor wurde am 31. Oktober 1917 in Dr. I 121/17 getötet) und der neue Fokker Dreidecker musste fortan am Boden bleiben. Von den Fokker-Werken wurde danach zugegeben, dass dieser Dreidecker-Type Schwächen in der Tragflächenstruktur hatte und somit noch nicht frontflugtauglich war. Dieser Fehler wurde aber später durch eine Modifizierung der oberen Tragfläche behoben und der Fokker-Dreidecker kam in mehreren hundert Stückzahlen zu seinem verspäteten Einsatz im Winter 1917/18 an die Front.
 
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