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31. Juli 1914
Erklärung des Kriegszustandes.

1. August 1914
Mobilmachung. Schmerzlicher Abschied von den Eltern. Wir müssen jetzt tüchtig mit auf der Kammer helfen.

8. August 1914
Verladung und Bahnfahrt bis Sourbrodt. Die Verladung findet nachts statt, trotzdem begleitet uns ganz Celle. Harthausen nimmt Abschied von seinen Eltern. Wir sind alle sehr siegesgewiss und denken alle, bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein. Auf den Bahnhöfen gibt es riesige Mengen von Liebesgaben.

9. August 1914
Marsch von Sourbrodt bis Elsenborn. Hier sehen wir die ersten Feinde. Mehrere gefangene Belgier. Die Nacht verbringen wir in den Baracken des Truppenübungsplatzes.

10. August 1914
Morgens 2:30 Abmarsch. Wir marschieren über Sourbrodt und überschreiten bei Hokay die belgische Grenze. Die Pioniere müssen schwer gearbeitet haben, denn die ganze Landstrasse war von darüber gelegten Bäumen frei gemacht. Bei Sart Mittagspause, dann weiter über Polleur nach Teux. Der Tag ist sehr heiß und der Marsch sehr lang. Viele Reservisten brechen vor Müdigkeit zusammen. In Teux beziehen wir Quartier in einer Schule.

11. August 1914
Friedensdienst. In einem Garten wird exerziert. Morgens beschießen wir einen französischen Flieger. Abends geht das Gerücht, die Artillerie hätte 2 feindliche Flieger abgeschossen. Wir bekommen die Nachricht, dass Lüttich gefallen ist.

12. August 1914
Morgens friedensmäßiges Exerzieren. Nachmittags um halb 4 Uhr Abmarsch. Wir kommen zum ersten Mal durch völlig verbrannte Dörfer. Die Häuser sind ausgeraubt, weil aus ihnen Einwohner geschossen haben. Wir beziehen Quartier in Lille.

13. August 1914
Morgens 5 Uhr marschieren wir weiter und überschreiten einen Fluss bei Liotte. In (? = unleserlich)horis beziehen wir Quartier. Abends Exerzieren.

14. August 1914
Exerzieren. Die Läden in (? = unleserlich)horis haben schon alles ausverkauft, da schon viele Truppen vorübergezogen sind.

15. August 1914
Morgens Exerzieren. Mittags 12:30 plötzlich Abmarsch. Um 9 Uhr abends Biwak bei Filot.

16. August 1914
Morgens 7 Uhr Fertigmachen. Die Einjährigen vom 2. Bataillon müssen dem Major einige Lieder vortragen. Um 3 Uhr Marsch bis Ombret Rausa an der Maas. Die Brücke ist gesprengt. Unsere Pioniere bauen eine Notbrücke.

17. August 1914
Friedensübungen in Ombret Rausa. Nachmittags Gottesdienst. Abends mit Ein(? = unleserlich). (?= unleserlich) ie(?= unleserlich)king und Gefreiten Schubach Brückenposten. Wir holen uns aus dem gegenüber liegenden Dorf abends 2 Flaschen Wein und verbringen in dem Brückenwärterhäuschen eine angenehme Nacht.

18. August 1914
Morgens überschreiten wir die notdürftig wieder hergestellten gesprengte Brücke und marschieren bis Arennes.

19. August 1914
Vormarsch. Wir sehen heute zum ersten Mal französische Tote. Es sind Kavalleristen, die von den Unsern bei einer Attacke vernichtet sind. Bei Grand Rosere sehen wir den Absturz eines deutschen Flugzeugs. Wir marschieren auf und nehmen Angriffsform ein. Der Feind zieht sich aber nach Westen zurück. Zwei Gefangene werden an uns vorüber geführt. Wir beziehen Biwak bei Pernez.

20.-21. August 1914
Weitermarsch über Cortie Noimont und Velaines. Die Einwohner stehen an der Straße und geben uns Kuchen und Obst. Unsere Kompanie ist die Spitze der Division. Vor uns sind nur Kavallerie und Radfahrerpatrouillen. Der Marsch ist bei der großen Hitze sehr anstrengend. Große Freude, als endlich Rast gemacht wird. Da kommt ein Radfahrer und bittet um Unterstützung durch Infanterie. Zwischen den ersten Häusern von Tamines wurden die Patrouillen durch Einwohner mittels Jagdflinten beschossen. Ein 92er hat einen schweren Schrotbauchschuss. Ein 17er hat eine Schrotkugel in den Fuß bekommen. Unsere Spitzengruppe, in der auch ich bin, geht bis zu den ersten Häusern vor und untersucht diese. Die Türen werden mit Beilen eingeschlagen. Ich finde Schokolade. Der verwundete 92er wird verbunden und in ein Haus gebracht. Unsere Gruppe kehrt sodann zur Kompanie in einen Wald, oberhalb von Tamines zurück, wo es Feldküchenessen gibt. Dann rückt die ganze Kompanie bis zu den 1. Häusern vor und legt sich in Deckung hinter eine (? = unleserlich). Ein Zigarrenladen wird geplündert, wir rauchen nur noch Stengel mit Bauchbinde. Links von uns, unten im Tal, konnten wir das 1. Mal Rothosen hinter Ziegelhaufen beobachten, die von unserer Artillerie beschossen wurden. Es war sehr spannend. Nachmittags um 4 Uhr bringt ein Radfahrer des Regimentstabes folgenden Befehl: Die 6. Kompanie hat den Übergang über die Sambre in der Stadt Tamines zu besetzen und zu halten. Wir betreten mit weit vorgeschobener Spitze das Städtchen, in dem wir noch so viel Entsetzliches erleben sollten. Eine Patrouille nimmt die Familie des Bürgermeisters, den Lehrer und den Apotheker als Geiseln gefangen und bringt diese in den Schutz der Kompanie. Unter Führung des Hauptmanns Kurt von Bültzingslöwen durchschreiten wir als Spitze das Städtchen, welches wie ausgestorben daliegt. Nach Überschreiten der Eisenbahn liegen wir nicht weit von der Brücke um eine Straßenecke, die uns bisher die Sicht des Flusses verdeckt hat. Da sehen wir am jenseitigen Ufer einen feindlichen Kavalleristen auf die Brücke zu traben, der von uns sofort vom Pferd geschossen wird und in das nächste Haus kriecht. Der Hauptmann legt die nachfolgende Kompanie in den Schutz der Häuser und überschreitet mit unserer Spitzengruppe die Brücke, die wir von den Drahtverhauen und davor geschobenen Wagen befreien. Drüben durchsuchen wir jedes Haus, während 3 Mann die Straße vor uns beobachten. Mehrere Mal läuft ein Trupp Rothosen in einer Entfernung von 800m über die Straße, die steil einen Berg hinan geht. 2 von den Rothosen bleiben von unseren Leuten getroffen anscheinend tot liegen. Wir sind gerade dabei, einige verschlossene Häuser gewaltsam mit dem Beil zu öffnen, als plötzlich von der Höhe vor uns ein wohlgezieltes Feuer auf uns eröffnet wird. Nachdem wir mit dem Glas aus Deckung die weit überlegene Zahl der Feinde festgestellt haben, bleibt uns nichts weiter übrig, als uns im Schutz der Häuser durch die Gärten zurück zu ziehen, da ein Aufenthalt auf der Straße nicht möglich ist. Kaum beginnen wir, uns auf diese Weise zurück zu ziehen und über Zäune und Mauern klettern, als auch noch das Feuer aus verschiedenen Fenstern der Häuser auf uns eröffnet wird, welches unbedingt von Zivilisten herstammen musste, da wir ja alle Häuser nach Soldaten vorher durchsucht hatten. Glücklicherweise wurde aber sehr schlecht geschossen. Da wir nicht anders über die Brücke, die im feindlichen Feuer liegt, zurück können, nimmt der letzte von uns den verwundeten feindlichen Kavalleristen auf den Rücken, während wir vor ihm im Gänsemarsch unbeschossen über die Brücke laufen. Hier müssen wir leider feststellen, dass ein Mann tot und Gefreiter Weber drüben schwer verwundet liegen geblieben ist. Ein Mann holt trotz des feindlichen Feuers den Verwundeten glücklich herüber. Da es inzwischen dunkel wird, richten wir uns in den rechts und links von der Brücke liegenden Häusern zur Verteidigung ein. Die Brücke wird wieder verbarrikadiert und der Hauptmann lässt durch einen Radfahrer Verstärkung erbitten, der aber, wie wir später erfahren, von Einwohnern ermordet worden ist. Ich werde als Posten bei der Wache eingeteilt, die die Geiseln an einem Estaminet zu bewachen hat. Die Einwohner sind gegen unsere Leute sehr freundlich, geben ihnen gut zu essen und zu trinken und zeigen sich in jeder Weise zuvorkommend. Wie sich später zeigt, wollten sie uns anscheinend in Sicherheit einlullen.

22. August 1914
Morgens um 1 Uhr, als alles schon im tiefen Schlaf liegt, höre ich plötzlich marschierende Truppen auf der Straße und überzeuge mich, dass es unser Regiment (1. Bataillon) ist, welches anscheinend Tamines nächtlich besetzen soll. Kaum ist die Barrikade von der Brücke entfernt und eine Kompagnie in die Straße jenseits einmarschiert, als auch schon eine tolle Schießerei beginnt. Mit dem Gesang „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ dringen unsere tapferen Leute, die zum ersten Mal mit dem Feind in Fühlung kommen, in den Straßen vor, in denen aus allen Häusern Soldaten und leider auch Zivilisten auf die Vordringenden feuern, aber nur nicht dieses allein, sondern auch aus den oberen Stockwerken diesseits des Flusses, die wir genauestens auf Soldaten untersucht hatten, begannen die Anwohner zu schießen ruft dies auf der Strasse eine tolle Verwirrung hervor, sogar in unser Haus schießt die erste Kompanie hinein, als sie unser Licht sieht. Erst durch unsere Zurufe aufmerksam gemacht, erkenne sie ihren Irrtum. Nun erscheint der Regimentskommandeur Oberstleutnant von Rognes, auf seinen Befehl werden die männlichen Geiseln sofort die Treppe herunter geworfen und durch Schüsse in den Rücken getötet. Die Weiber und Kinder klettern über die Leichen ihrer Angehörigen hinweg und suchen das Weite. Meine Gruppe bekommt Befehl, die Häuser ringsum anzuzünden, um die schießenden Zivilisten auszuräuchern. Ich persönlich stecke die Leinwand des Kinos an. Dazu schlagen von den Hügeln andauernd Gewehrkugeln in die Straßen ein. Es war ganz furchtbar. Die 6. Kompanie hat den Auftrag, an der Brücke eingegraben zu warten, ihr schließen wir uns nun wieder an, während jenseits ein Haus nachdem anderen erobert wird und in Flammen aufgeht. Allmählich entfernt sich die Schießerei etwas, unsere Maschinengewehre fahren hinter uns auf. Plötzlich bekommen wir Schrappnellfeuer, das sich uns von hinten aus immer mehr nähert. Unser 1. Zug überschreitet die Brücke und nimmt Deckung hinter den jenseitigen Häuserresten. Nach kurzer Zeit folgt die ganze Kompanie. Bei Morgengrauen geht dann unsere Kompanie vor und wird zur Verstärkung hinter die vordere Linie gelegt, welche schon unter hartem Kampf die Höhen gewonnen hat. Hinter uns schlagen dauernd Schrappnells in die Stadt, die zum größten Teil in ein brennendes rauchendes Trümmerfeld verwandelt ist, die Höhen aber sind unser. Beim weiteren Vorgehen fällt leider unser beliebter, tapferer Kompanieführer Hauptmann von Bülzingslöwen 30m vor dem Feind, den Degen in der Faust. Die Kompanie erhält vorübergehend Leutnant Becker. Da der Feind riesige Verstärkungen erhält, müssen wir am Abend über die Eisenbahnbrücke hinter den Fluss zurück, wo wir hinter dem Bahndamm Aufstellung nehmen. Noch jetzt bekommen wir einzelne Schüsse aus der Stadt. Kurz vor Dunkelwerden rücken wir wieder in die Stadt ein und halten dicht beim Bahnhof, als etwa 200 männliche Zivilisten an uns vorbei geführt werden, die kurz darauf am Fluss von der ersten Kompanie erschossen werden. Nun rücken wir vor, der Platz mit den vielen Leichen der Unsrigen und Zivilisten macht einen furchtbaren Eindruck. Die Garde soll dem Feind in die Flanke gekommen sein, deshalb hat er weichen müssen. In dem Hohlweg auf dem Hügel kommen wir an vielen Leichen vorbei, ja der Tag war blutig. Kompanieweise marschieren wir in das Dunkel der Nacht. Erst nachdem wir uns einmal verirrt hatten und umgekehrt waren, kommen wir abends um12 todmüde in unser Biwak. Das Regiment hat an dem Tag schwere Verluste erlitten.

23. August 1914
Sehr früh beginnt der weitere Marsch. Angriff und Verfolgung bei Vermette. Am Abend machen wir einen Angriff im Dunkeln, vor uns und rechts von uns Geschieße und Hurra Rufe, wir gehen vorwärts und bekommen Schrappnellfeuer. Vor uns hören wir Rufe, wir denken, es sind Deutsche, als sich plötzlich aus nächster Nähe ein rasendes Feuer über uns ergießt. Es sind furchtbare Minuten, ich stecke den Kopf hinter ein Häufchen Stroh und denke, jetzt muss das Ende kommen. Da wir uns aber alle ruhig verhalten, lässt das Feuer bald nach. Langsam ziehen wir uns leise zurück und schlafen etwas weiter zurück in dem Graben.

24. August 1914
Früh morgens gehen wir nach Artillerievorbereitung vor. Links von uns ist wieder die Garde. Wir gelangen ohne feindliche Einwirkung weiter und überschreiten an einem Waldrand den feindlichen Schützengraben, der von Toten angefüllt ist, unsere Haubitzen haben wunderbar geschossen. Kurz vor Oret bekommen wir Feuer. Wir gehen vor wie auf dem Exerzierplatz. Vor uns sind Turkos, als wir das merken, ist keiner mehr zu halten. Im rasenden Angriff wird Oret genommen. Viele Turkos fallen, der Rest rückt aus. Das Nest wird von uns geplündert. Die Einwohner sind meistens fort. Hinter dem Dorf sammeln wir uns und setzen die Gewehre zusammen, als plötzlich aus dem Busch nicht weit von uns Schüsse fallen. Wir nichts als hin, den paar Turkos, die so hinterrücks geschossen, wird das Bajonett im Leib umgedreht. Da hören wir einen Schuss. Wir suchen nach und finden einen französischen Offizier, der sich so eben mittels einer Pistole erschossen hat. Er wollte nicht lebend in die Hände seiner Feinde fallen. Wir hatten übrigens eine große Anzahl Gefangene gemacht. Abends beziehen wir Quartier in Frare.

25. August 1914
Weitermarsch bis Borret la Walcourt. Unterwegs wird ein Bursche durch französische Fliegerpfeile verwundet. Oberleutnant der Reserve Bartels übernimmt die Führung unserer Kompanie.

26. August 1914
Überschreiten der französischen Grenze bei Eppes Laurages. Quartier in Trilon.

27. August 1914
Marsch nach Chappeau Rouge. Übernachtet in La Flamandrie

28. August 1914
Vormarsch. Rast in Grand-Prez. Übernachtet im Chausseegraben der Straße nach Luise. Es gibt viel Rotwein zu trinken. Der Feind geht zurück.

29. August 1914
Gefecht bei Luise an der Tise. Beim Vorgehen bekommen wir eigenes Artilleriefeuer ab. Die 6. Kompanie geht bis auf eine Anhöhe vor. Hier können wir uns aber nicht lange halten, da die Franzosen in großen Massen anrücken. Wir halten die Stellung und schießen im Stehen, bis die nächsten Feinde nur noch 100m entfernt sind und wir keine einzige Patrone mehr haben, dann heißt es zurück. Leider wurde unser Führer Leutnant Schellenberg noch beim Zurückgehen schwer verwundet. Einen Kilometer zurück, graben wir uns ein und wehren nachts einen starken Angriff ab.

30. August 1914
Wir erwarten sehnsüchtig das 7. Korps, das zur Verstärkung im Anrücken ist. Unter dem feindlichen Artilleriefeuer haben wir sehr zu leiden. Abends weicht der Feind und todmüde folgen wir. Nachtquartier in Landifay.

31. August 1914
Ruhetag in Landifay. Ich bin wie gewöhnlich zum Befehlsempfang beim Batl. und habe selber nicht viel Ruhe.

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