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1. Dezember 1914
Morgens Exerzieren. Nachmittags nehme ich am Gottesdienst und am heiligen Abendmahl teil. Danach 1 ½ Stunden Exerzieren. Exz. v. Emmich dankt in einer Ansprache unserem Bataillon für sein tapferes Verhalten bei Ypern und verspricht Ruhe und bessere Verpflegung.

2. Dezember 1914
Morgens ½ Stunde Dienst. Dann ist Instandsetzen des Anzuges und um 11 Besichtigung des Bataillons durch den neuen Bataillons-Kommandeur Major Beckhaus. Nachmittags haben wir Ruhe. Um ¾ 6 Abmarsch über Merlette in Stellung zur Ablösung der 164er. Ich bin beim Leutnant als Gefechtsordonanz und wohne in einem kleinen Unterstand mit Mannschaften der M.G.K. zusammen.

3. Dezember 1914
Nichts Besonderes. Es fallen nur vereinzelte Schüsse. Das Essen wird abends geholt.

4. Dezember 1914
Der Tag vergeht, ich schlafe ununterbrochen.

5. Dezember 1914
Es ist langweilig in Stellung. Einzelne Leute schießen auf Hasen.

6. Dezember 1914
Abends um 9 Uhr lösen uns die 164er ab. Wir marschieren durch einen sehr langen Laufgraben. Auf der einen Seite sah ich den Fuß eines Toten aus der Wand heraus ragen. Während des Rückmarsches regnet es, der Boden ist lehmig. Nur mühsam kann man die Füße aus dem Schlamm heraus ziehen. Stur läuft man in der pechschwarzen Nacht müde hinter seinem Vordermann her. In Pegnicourt kommen wir auf einem einigermaßen warmen Boden in Ruhe, nachdem vorher noch Essen aus der Feldküche empfangen wurde.

7. Dezember 1914
Morgens ist Appell im Mantel. Nur wer es mitgemacht hat, kann beurteilen, wie schwer es ist, einen Mantel zu reinigen, der vom zähen Lehm so steif wie ein Panzer ist. Da die Feldküchen geschont werden sollen, müssen wir im Kochgeschirr abkochen. Heute ist zum zweiten Male Impfung gegen Typhus. Diesmal habe ich keine Schmerzen.

8. Dezember 1914
Morgens und nachmittags Ausbildung.

9. Dezember 1914
Morgens Ehrenbezeugungen. Nachmittags Spiele. Ein an der Lafette zerschossener 21cm-Mörser wird vor das Dorf gerollt. Da man einen Schuss, der noch im Lauf steckt, nicht anders beseitigen kann, wird er unter Vorsichtsmaßregeln in Richtung Front abgefeuert. Ich war erstaunt über die riesige Größe des Mörsers.

10.-11. Dezember 1914
Morgens wird exerziert. Nachmittags ist Gewehr-Appell. Um 5 ½ marschieren wir zur Ablösung der 164 in die vordere Linie. Wir liegen am linken Flügel des Regiments auf 300 m den Franzosen gegenüber. Die Ablösung erfolgt wie im nachstehenden Feldpostbriefe an meine Eltern:

„Es ist ½ 6 Uhr abends. Die Kompanie steht zum Abmarsch bereit, um die 164er abzulösen. Bei sternklarem Himmel beginnen wir den Marsch und schreiten auf der vom Regen durchweichten zerfahrenen Landstraße tüchtig aus. Allmählich beginnt sich der Himmel mit Wolken zu beziehen und leiser Regen rieselt hernieder. Vor uns tauchen aus dem Dunkel mehrere Lichter auf. Wir kommen durch das vom Feinde zerschossene Dörfchen (Bertricour ?), das wie verlassen erscheint, bis auf die beiden Posten an den Eingängen des Ortes. Nun erreichen wir ein Wäldchen. Grundlos ist der Weg. Mühselig zieht man nach jedem Schritt die Stiefel aus dem glucksenden, schlammigen Boden. Ab und zu stürzt jemand in die im Stockfinstern kaum sichtbaren Granattrichter. Nach viertelstündigem, anstrengenden Marsch überschreiten wir eine Bahnlinie und weiter geht’s an einem Waldrande entlang. Kein Wort wird gesprochen, wir nähern uns der Stellung. Die Zigarren sind ausgelöscht, eine leise Spannung teilt sich allen mit. Plötzlich ein ferner dumpfer Knall und pfeifend saust eine Granate über uns hinweg, die anscheinend dem Dörfchen B. gilt. Uns rührt die Störung nicht weiter, die Gewohnheit hat uns abgestumpft. An einem dunklen Waldrande machen wir Halt und die etwas auseinander gezogene Kompanie sammelt sich wieder. Links von uns sehen wir im Dunkel des Waldes einige Erhöhungen, die in die Erde eingelassenen, mit Eisenbahnschienen abgedeckten Reserveunterstände. Kurs davor kann man einige durch schneeweiße Kalksteine und Kreuze verzierte Gräber erkennen. Nachdem die Kompanie wieder geschlossen ist, setzen wir den Marsch fort. Nun beginnt der mühselige Weg durch den 1800 m langen und 2 m tiefen Laufgraben, der die auf freiem Felde liegenden Schützengräben mit der Reservestellung im Wäldchen verbindet. Endlos erscheint uns der schlüpfrige, unangenehme Weg, da man andauernd rechts und links die Wände streift und bald ganz klebrig vom Schlamm ist. Endlich erreichen wir den Schützengraben und lösen die 164er ab. Jeder geht an eine Schießscharte aus Stahlblech und schiebt sein Gewehr durch die Öffnung. Nun sehen wir uns im Dunkeln weiter um. Der Graben, aus dem die Franzosen vertrieben sind, ist breit und gewährt in Folge dessen wenig Schutz gegen Sprengstücke. Der Boden ist weich und schlammig, so dass unsere Stiefel völlig durchnässt und weich sind. Wir erfahren durch unseren Gruppenführer, dass wir in der Nacht nur 2 Stunden schlafen können und 7 Stunden wachen müssen, davon 1 Stunde auf Horchposten. Ich muss diesen zuerst beziehen und klettere mit 2 Kameraden aus dem Graben heraus. Wir übersteigen die halb zerschossenen Drahtverhaue und setzen uns jeder in eine 60 m vor der Front liegende Deckung, die von dem andauernden Regen natürlich fußtief mit Wasser angefüllt ist. Wunderbare Gedanken erfüllen mich, nachdem ich die Furcht vor dem Unbekannten überwunden hatte, denn bei einem Sturmangriff sind wir rettungslos verloren. Ich fühle, welche Verantwortung auf meinen jungen Schultern ruht, indem ich über das Leben so vieler junger, tapferer Kameraden zu wachen habe und ein stolzes Gefühl schwillt meine Brust. Wir können deutlich die Franzosen sprechen hören, ebenso vernehmen wir das Husten der Feinde und das Rollen der feindlichen Wagen. Ich kauere mich zusammen und ziehe die Knie so hoch wie möglich an die Brust, denn der Dezemberwind ist eisig kalt und in den völlig durchnässten Kleidern doppelt zu spüren. Rechts von uns kann man mehrere Male Leuchtkugeln aufblitzen sehen, die von den Sachsen geschossen werden. Ab uns zu fällt ein Schuss von Seiten der Franzosen, der aber von uns als zwecklos nicht beantwortet wird. Wir atmen beim Eintreffen der Ablösung erleichtert auf und begeben uns schnell in den schützenden Graben, denn beim Aufflammen eines Scheinwerfers bieten wir in dem freien Gelände ein ausgezeichnetes Ziel. Nun sind wir an der Reihe zu schlafen. Ich suche die Hütte auf, wo sich unsere Lagerstätte befindet und krieche hinein. Ein kalter Schauer überläuft meinen Rücken, denn das Stroh schwimmt und Tropfen auf Tropfen rinnt von der nur mit Brettern und Grasplatten gedeckten Decke herab. Was schadet das aber alles einem Preußen? Nachdem man noch einen großen Schluck aus der mit Schnaps gefüllten Flasche getan hat, ist man bald vor Übermüdung eingeschlafen. Nach 2 Stunden bekomme ich einen unsanften Stoß, der mich aus meinen süßen Träumen von der Heimat aufstört. Schlaftrunken stelle ich mich eine Schießscharte und versuche zu beobachten. Der Regen aber hat wieder eingesetzt und man kann die Hand vor den Augen nicht sehen. Ich habe 2 Mäntel angezogen und die Zeltbahn um mich geschlungen, die jedoch nicht verhindern kann, dass der äußere Mantel auch durchnässt wird. Es ist nur ein Trost, dass die Haut wasserdicht ist. Ich unterhalte mich mit einem Kameraden von der Schulzeit und von den vergangenen schönen Tagen in der Heimat. Gegen 4 Uhr morgens durchbricht der Mond die Wolken und der Regen lässt nach. Nun kann man in etwa 300 m Entfernung einen weißen Streifen erkennen. Es ist der feindliche Schützengraben, aus dem Rauch aufsteigt. Die Franzosen haben anscheinend schon Öfen bekommen. Da unser Graben tagsüber im schwersten feindlichen Artilleriefeuer liegt, wird unsere Kompanie mit Anbruch der Helligkeit zurückgezogen. Wir marschieren todmüde durch den langen Laufgraben in das Wäldchen zurück. Hier bekommen wir Kaffee und essen Frühstück. Darauf schlafen wir in den Unterständen, die ebenfalls sehr feucht sind, bis 5 Uhr nachmittags. Eine halbe Stunde später kommen die Feldküchen und bringen das ersehnte Essen, auch Kaffee wird empfangen und Schnaps für die Kälte in der kommenden Nacht. Ich sehe mir nun die Grabhügel näher an, die alle wunderbare kleine Grabsteine tragen. Unter den Gräbern befindet sich auch das eines Franzosen, das schönste von allen. Auf dem Grabstein hat eine geschickte Hand eingemeißelt: ´Hier starb ein tapferer Franzose den Heldentod fürs Vaterland´. Die Franzosen werden sich wundern, wenn sie nach Friedensschluss diese Inschrift lesen und das schöne Grab sehen. Um ½ 7 Uhr rücken wir in den vorderen Schützengraben zurück.“

12. Dezember 1914
Es gießt in Strömen. Wir müssen alle 6 Stunden 2 Stunden auf Posten stehen. Am Tage wird der linke Flügel wieder geräumt und wir kommen in die Reservestellung am Walde zurück. Ich sehe mir die Unterstände der Maschinengewehr-Mannschaften und der des Abwehrgeschützes an, die sehr gemütlich eingerichtet sind und sogar Fenster und Gardinen besitzen.

13. Dezember 1914
Nachts regnet es wieder in Strömen. Am Tage schlafen wir in der Reservestellung.

14. Dezember 1914
Es regnet ununterbrochen. Am Tage verbleiben wir in vorderer Linie. Ich habe ausnahmsweise einen ganz guten Unterstand gefasst, in dem wir den ganzen Tag schlafen, da man es draußen wegen des Regens nicht lange aushält. Abends um 9 Uhr kommt die Ablösung. Die Posten werden abgelöst, die Stellung erklärt und dann haut alles heilsfroh ab. Nach dem Marsch über die Felder im Laufgraben zu gehen, ist zu langweilig, sammeln wir uns hinter dem Walde bei der Reservestellung und dann beginnt der Rückmarsch durch den fußtiefen Kot über Merlette nach Pegnicourt. Auf einem Boden werden wir untergebracht und schlafen auf einer dünnen Strohschicht, der man es schon ansieht, dass sich in ihr die Läuse nur so wohl fühlen müssen.

15. Dezember 1914
Morgens reinigen wir so gut es geht unsere Mäntel, die wie ein Lehmpanzer aussehen und aufrecht stehen bleiben, wenn man sie hinsetzt. Nachmittags ist Gewehr- und Stiefelappell. Ich bekomme 1 Stunde Nachexerzieren mit mehreren
anderen, weil wir die Stiefel wohl gereinigt, aber nicht geschmiert haben. Am Abend bekomme ich 3 große Weihnachtspakete. Was ist das für eine Freude! Bei einem Kerzenstummel liegt man auf seinem Boden und liest die Briefe. Tische und Stühle gibt es nämlich nicht.

16. Dezember 1914
Morgens ist Besichtigung vor General v. Emmich, an dem wir stramm vorbei marschieren. Nachmittags stehe ich vor der Ortskommandantur und betrachte ein Bild, auf dem deutsche Soldaten an französische Zivilisten Brot verteilen. Da berührt mich eine alte französische Frau am Ärmel und deutet mit einem zufriedenen Gesicht auf das Bild und dann auf das Brot in ihrer Hand. Ja, die Zivilisten wurden so gut behandelt, wie es die Umstände erlaubten.

17. Dezember 1914
Morgens Exerzieren. Feldwebel Ruppin schleift uns nicht schlecht auf einem Acker vor dem Dorfe mit dem Blick auf den Pappel umsäumten Kanal. Nachmittags ist Appell in Zeltbahnen und Exerzieren. Wir sind ganz zufrieden, hat man doch wenigstens ein Dach über dem Kopfe. Außerdem gibt es viele Pakete und Liebesgaben aus der Heimat. Ja, es gibt sogar für jeden einen Trinkbecher voll Bier – und was das bedeutet, kann nur der entscheiden, der monatelang unter den härtesten Entbehrungen dieses köstliche Nass entbehrt hat.

18. Dezember 1914
Morgens Exerzieren. Nachmittags Appell in Stiefeln. Es verbreitet sich das Gerücht, dass wir als Besatzung nach der Insel Borkum kommen sollen. Das ist natürlich eine Latrinenparole, wie es in der Feldsprache heißt. Nachmittags um 5 Uhr marschieren wir nach Neufchatel, wo wir ein schönes Quartier in der Oldenburgerstraße bekommen. Die Straßen hier sowie im ganzen besetzten Gebiet sind alle mit deutschen Namen versehen. Hier in Neufchatel liegt auch das Generalkommando.

19. Dezember 1914
Am Morgen ist Anzug reinigen. Danach richten wir uns in unserer Bude etwas ein. Wir liegen auf Steinfußboden mit etwas Stroh darauf. Diesmal haben wir aber wenigstens einen richtig gehenden Tisch. Den schmutzigen Hof säubern wir vollständig, eine furchtbare Arbeit. Die Bewohner aus dem Hause sind wohl geflohen, wir sind die alleinigen Herren. Die meisten Möbelstücke sind schon als Feuerung in den Kaminofen gewandert, dessen Rohr durch eine zerbrochene Fensterscheibe in Freie führt. Mittags muss ich auf Wache. Die Posten werden von der Hauptwache aus abgelöst. Das Wachtlokal ist so eng, dass wir kaum sitzen, noch viel weniger schlafen können. Ich stehe mit einem Kameraden als Doppelposten am Westausgang des Ortes. Jedes Automobil wird angehalten und muss einen Ausweis vorlegen. Die Nacht verläuft ruhig, nur das Rauschen des Flusses und von Ferne den Donner der Geschütze kann man hören.

20. Dezember 1914
Alles freut sich auf die Ablösung, die mit ½ Stunde Verspätung eintrifft. Nachmittags ist Gewehr-Appell. Bruno Harthausen kommt für Bernhard, der Unteroffizier geworden ist, auf die Schreibstube.

21. Dezember 1914
Morgens ist Exerzieren. Da bald Weihnachten ist, werden wir mit ungeheuren Mengen von Liebespäckchen überschüttet. 12 an einem Tage ist keine Seltenheit. Was muss da die Feldpost zu tun haben. Jeder Verwandte, jeder Bekannte sendet Päckchen. Besonders hervor tun sich dabei natürlich die kleinen Mädchen. Nachmittags marschieren wir über Menneville und Varicourt nach Agnicourt, wo wir einen Reserve-Schützengraben ausheben müssen. Um ½ 10 Uhr waten wir in dem ungeheuren Schmutz und Schlamm zurück, todmüde von der Arbeit und noch mehr von dem Marsche.

22. Dezember 1914
Morgens Anzug reinigen und dann Exerzieren. Der Feldwebel schleift und friedensmäßig, trotzdem wir noch todmüde vom Tage vorher sind. Dazu müssen wir mittags wieder auf Wache. Auch da findet man keine Gelegenheit zum Ausschlafen. Abends spiele ich bei einer Geburtstagsfeier von Offizieren etwas Klavier. Auf Posten hat man etwas Unterhaltung. Im Hause gegenüber ist Exzellenz Emmich und der Herzog von Braunschweig bei einer Fliegerabteilung eingeladen. Wir beiden Posten tanzen draußen nach der Trompetenmusik.

23. Dezember 1914
Wir werden mittags abgelöst und müssen nachmittags wieder exerzieren. Eine schöne Anstrengung, weil man 2 Nächte so gut wie gar nicht geschlafen hat. Wir haben außerdem noch nicht einmal Zeit, um unser Essen zu uns zu nehmen. Darüber herrscht natürlich allseits Entrüstung. Um 5 Uhr muss ein Teil der Korporalschaft zum Christgottesdienst, während ich mit einem anderen einen niedlichen Tannenbaum schmücke und die Geschenke ausbreite. Die Heimat hat uns derartig versorgt mit Fettigkeiten, Wollsachen usw., dass wir sehr viel den Franzosen schenken mussten, um die Sachen nicht umkommen zu lassen. Die Einwohner standen staunend vor unserem Weihnachtsbäumchen. Die verhetzten Leute hatten uns wohl nicht so viel Herz zugetraut. Es ist doch ein eigentümliches Gefühl, zum ersten Male im Leben das Weihnachtsfest fern von der Heimat in Feindesland zu begehen. Man sieht manch eine stille Träne. Brief schreibend sitzen die meisten, die anderen singen unsere schönen Weihnachtslieder.

24. Dezember 1914
Heute ist endlich einmal dienstfrei. Nach den anstrengenden letzten Tagen ist das eine wahre Erholung. Kann man doch wirklich einmal auf dem harten Steinboden ausschlafen. Das Frühstück mundet glänzend, da ja unendlich viele Liebesgaben zu verzehren sind. Sogar Bier wird ausgegeben, welches wir zu schätzen wissen. Auch der Sauerkohl aus der Feldküche (Hungerabwehrkanone) schmeckt glänzend. Am Nachmittag ist großes Brief schreiben.

25. Dezember 1914
Am 2. Weihnachtstag geht schon wieder das Exerzieren los, morgens und auch nachmittags. Wir erfahren, dass wir am nächsten Tage die 92er im Steinbruch bei Berry au Bac ablösen müssen, weil der Herzog von Braunschweig sein Regiment auch einmal in Neufchatel habe möchte.

26. Dezember 1914
Morgens ist wieder Exerzieren. Onkel Fritz (Feldwebel Ruppin) schleift uns friedensmäßig. Wir müssen Parademarsch üben, bis uns die Zunge zum Halse heraus hängt. Nachmittags wurden 12 Mann unserer Kompanie zu einem neu aufgestellten Regiment abkommandiert. Unter ihnen sind auch meine Miteinjährigen Belli und Nolte.

27. Dezember 1914
Morgens ist wieder Exerzieren. Heute Abend sollen wir nun wirklich in Stellung. Um 4 Uhr besucht mich mein früherer Schulkamerad Hans Brecke, worüber ich sehr erfreut bin. Um 5 Uhr rücken wir über Congy am Kanal entlang direkt zum Steinbruch. Ich komme sofort auf Unteroffizierposten, der nur 50 m vom Feinde entfernt liegt. Zu dem Posten führt nur ein ½ m tiefer Laufgraben, der vom Feinde völlig eingesehen werden kann. Schritt für Schritt, den Atem einhaltend, kriechen wir bei Mondschein den Berg hinunter, immer den Wolkenschatten ausnutzend. Am Tage ist eine Verbindung mit dem Posten unmöglich.

28. Dezember 1914
Die Nacht verläuft ruhig. Zu je 2 Mann beobachten wir abwechselnd durch die Schießscharten. Gegen Morgen werden wir in an den Steinbruch zurück gezogen. Nur Schmidt und ich kriechen bei einem Befehlsempfänger in einem kleinen Loch mit unter und schlafen. Am Mittag empfangen wir unser Essen vor der auf der Sohle des 25 m tiefen Steinbruches in den Felsen gesprengten Küche. Der Steinbruch hat überhaupt sein Aussehen riesig verändert, die reinste Festung hat man aus ihm gemacht. Neben der Küche sind Höhlen gesprengt, in denen je 24 Mann untergebracht werden können. Sogar elektrisches Licht ist darin angelegt und eine Alarmglocke, die vom so genannten Promenadendeck aus bedient wird.

29. Dezember 1914
Abends muss ich wieder auf den vorgeschobenen Unteroffiziersposten, von dem eine Zugglocke nach der eigentlichen Stellung führt, da im Falle eines Angriffes doch niemand zurückkommen kann.

30. Dezember 1914
Wir bemerken wieder nichts Besonderes, die Nacht verläuft ruhig. Nur ab und zu fallen die üblichen Gewehrschüsse oder eine Leuchtkugel von unserer oder feindlicher Seite erhellt minutenweise das Gelände, so dass man die hellen Grabenränder der feindlichen Stellungen und die Drahtverhaue erkennen kann. Diesmal bleiben wir auch am Tage auf dem gefährlichen Posten. Die feindliche Artillerie beschießt stark die Stellungen hinter uns, während wir von dem Feuer verschont bleiben wegen der großen Nähe ihrer eigenen Linien. Dafür werden wir aber umso mehr durch Gewehrgranaten belästigt. Auch unsere Minenwerfer sind tätig. Einen Franzosen sehen wir durch eine Mine zerfetzt durch die Luft fliegen. Trotz des Granatfeuers wärmen wir unser Essen auf den kleinen Spirituskochern. Abends geht’s bei Mondschein den gefährlichen Weg zurück und dann kommen wir wieder in die Höhle auf der Sohle des Steinbruches.

31. Dezember 1914
Heute schlafen wir fast ununterbrochen in der Höhle, in der eine ganz unerträgliche Luft ist. Man kann sich ja vorstellen, wie schlimm der Hecht ist, wenn man bedenkt, dass in dieser Höhle, die in den Felsen gemeißelt und gesprengt (ohne Fenster) und in der etwa 20 – 30 Mann eingepfercht sind, ein Kanonenofen stinkt, Strümpfe trocknen usw. Wir liegen in 2 Lagen übereinander auf Holzpritschen, die mit einer dünnen verlausten Strohschicht bedeckt sind. Eine elektrische Birne verbreitet ein kärgliches Licht. Jeder hat zu Kopfenden einen Kerzenstummel stehen, bei dem man die lieben Heimatbriefe lesen kann. Hier und dort sitzt einer und laust sich, die meisten schlafen ermüdet von der letzten Wache. Zu Feier des Tages kochen wir abends auf den kleinen Spirituskochern Grog und zünden die kleinen künstlichen Bäumchen an. Um 10 Uhr legt sich alles schlafen. Plötzlich werden wir um 12 Uhr von Leutnant Mackensen geweckt, alles muss heraustreten vor die Höhle. Prost Neujahr wird allerseits gerufen, dann singen wir gemeinsam „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“. Mächtig bricht sich der Ton an der gegenüber liegenden Felswand und der Franzmann jagt ärgerlich ein paar Granaten heraus, die mit donnerndem Getöse an der Wand krepieren und uns noch einige verirrte Splitter bescheren. Hinterher singen wir noch wehmütig im Gedanken an unsere Lieben daheim „Nach der Heimat möchte ich wieder“ und begeben uns dann wieder zur Ruhe auf unserer harten Lagerstatt.

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