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Da meine Tagebuchaufzeichnungen mit meinem Koffer nach meiner Verwundung (4. Juli 1915) verloren gegangen sind, muss ich mich damit begnügen, die Teilnahme am ferneren Kriege und meine Erlebnisse auf Grund der Feldpostbriefe an meine Eltern und meine Resi zusammen zu stellen.

2. oder 3. Januar 1915
Am 2. oder 3. Januar werden wir von den 92ern abgelöst und kommen in unsere alten Quartiere nach Neufchatel zurück, wo wir eisern mit Exerzierdienst beschäftigt werden. Das III. Bataillon kämpft in der Champagne.

5. Januar 1915
Der Regimentskommandeur hat gewechselt. Oberstleutnant v. Roques ist von seinem Posten enthoben. Die Kompaniestärke hat sich durch Ersatz wieder auf 180 erhöht, nachdem sie bei Ypern auf 80 Mann zusammen geschmolzen war.

11. Januar 1915
Wir liegen noch immer in Reserve. Wachen wechseln ab mit Exerzieren und kleinen Übungen.
Feldpostbrief aus Neufchatel (veröffentlicht in der „Hildesheimer Allgemeine Zeitung und Anzeigen“ (Gerstenbergsche Zeitung).

Liebe Eltern!
Heute will ich euch kurz einen Gang durch den Ort, wo wir augenblicklich liegen, schildern. Es ist gegen 5 Uhr abends. Ich komme vom Besuch eines Freundes aus Monneville. Rechts von der Landstraße im Tale fließt rauschend die Aisne, die, geschwollen vom Regen, aus ihrem Bett getreten ist und die anliegenden Wiesen überschwemmt hat. Hinter einer Biegung der Straße tauchen die ersten Häuser von N… auf. Der Posten, der vor einem mit Dachpappe verkleideten Schilderhaus in gleichmäßigem Schritte auf und ab geht, fragt laut nach der Parole. Ich antworte: ´Hindenburg!` und werde ohne weiteres durch gelassen. Links begrenzen die Straße kleine graue Häuser, vor denen schwatzend Franzosen stehen, die uns gezwungen freundschaftlich zunicken. Rechts ist eine Ballonabwehrkanone zu sehen, bei der einige Artilleristen mit der Reinigung beschäftigt sind. In langem Zuge kommt mir eine Fuhrparkkolonne entgegen, kurz dahinter ein Packwagen, beladen mit verspäteten Weihnachtspaketen. Vor einem von den hier stationierten Fliegern eröffneten Laden staut sich eine große Menge Soldaten von allen möglichen Regimentern, die ihre Anwesenheit in dem Städtchen benutzen, um alles Nötige einzukaufen. Nun komme ich über eine große Brücke, auf der ein Posten steht. Ich bin kaum an ihm vorbei, als ein Schuss fällt. Wie ich ihn erschrocken frage, wonach er geschossen hat, weißt er auf eine Flasche unten im Wasser, die gut versiegelt ist. Er hat den Befehl, alle Flaschenposten abzuschießen, denn der Fluss nimmt seinen Lauf direkt nach den feindlichen Stellungen. Auf einem Platz vor der schönen Kirche spielt die Kapelle des hier zur Korpsreserve liegenden Regiments flotte Militärmärsche. Der Platz ist gefüllt von Zuhörern. Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, alles lauscht den Klängen der Musik und macht ehrerbietig dem kommandierenden General S. Ex. v. Emmich und dem Herzog von Braunschweig Platz, die im Gespräch vertieft auf der Straße auf und ab gehen. Allmählich wird es dunkel, die Musik verstummt und die Zuhörer begeben sich in die Quartiere. Die Straße ist nun taghell von den elektrischen Lampen beleuchtet, die unsere Pioniere angelegt haben. Rechts vor dem mit Efeu umrankten Schlösschen steht ein Posten. Hier wohnt nämlich der kommandierende General. Aus einem anderen Hause ertönen die Klänge einer Ziehharmonika und aus kräftigen Kehlen erklingt das Lied ´Es braust ein Ruf wie Donnerhall..`. Einige meiner Kameraden kommen mir mit Kochgeschirr entgegen, um bei der Feldküche Kaffee zu empfangen. Ich beeile mich, um in mein Quartier zu kommen, denn ich will noch Briefe schreiben. Meine Kameraden liegen auch schon auf ihrem Strohlager und unterhalten sich von der Heimat und von dem hoffentlich bald kommenden Frieden.
Viele Grüße und Küsse
Euer Werner

16. Januar 1915
Wir befinden uns wieder im Schützengraben südlich des Steinbruches von Berry au bac. Da ich jetzt den Dienst als Gruppenführer versehe, habe ich es etwas besser als bisher.

19. Januar 1915
Das Bataillon liegt wieder in Neufchatel (4 Tage). Ich habe sehr über Läuse zu klagen. Alles Fenchelöl befreit nicht von den Biestern. Neuerdings leiste ich Dienst als Unteroffizierdiensttuer. Moritz Breme, der zum Entlausen hier ist, besucht mich.

22. Januar 1915
Wieder im Schützengraben. Wir haben die 79er abgelöst. Die Stellung ist ganz angenehm. Es gibt schon Unterstände mit Dachpappendach, auf dem sich eine handbreite Schicht Erde befindet, zum Schutz gegen Schrappnellkugeln und Granatsplitter. Die Posten stehen abwechselnd alle 2 Stunden. Ich selbst wechsele mich mit den Unteroffizieren im Kompaniedienst ab. Seit Tagen trage ich mich mit dem Gedanken, aktiver Offizier zu werden. Baron von Zuydwyck brachte mich auf die Idee. Es herrscht allerseits Freude über unser Vorgehen bei Soisson. Abends können wir kaum die Post erwarten. Die vielen Mädels und Verwandten meinen es aber auch mit den Päckchen recht gut. Unser Leutnant Mackensen hat einen Unterstand mit einer richtig gehenden Tür, der mit einer 1 m dicken Schicht Erde eingedeckt ist. Da ich hoffe, bald Unteroffizier zu werden, habe ich mir feldgraue Tresse schicken lassen.

27. Januar 1915
Heute bin ich Unteroffizier und Bruno Harthausen Gefreiter geworden. Das Kaisergeburtstagsfest wird festlich begangen, da wir wieder zur Reserve an Neufchatel liegen. Abends feiern wir Unteroffiziere mit Leutnant Mackensen und Lt. d. R. Meyer zusammen. Ich schreibe nach Hause, sie möchten mir die Papiere schicken, die zur Annahme als Fahnenjunker erforderlich sind. Es geht das Gerücht, dass unser Korps wieder etwas nach links verschoben werden soll. Hans Brecke besucht mich (ein Schulkamerad).

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