1. Juli 1915
Um ½6 Uhr marschieren wir mit Marschsicherung geschlossen weiter. Dieser Vormarsch sollte aber nicht lange dauern, denn schon auf der nächsten Höhe erhalten wir scharfes Infanteriefeuer. Die 13. Kompanie, wir sind wieder Spitze, erhält den Auftrag, einen Weg, der durch einen Sumpf zwischen 2 Dörfern entlang führt, zu säubern. Wir stoßen aber bald auf starke russische Kräfte, in Folge dessen entwickelt sich das Regiment, während wir stark beschossen in einem Kornfelde in Stellung gehen. Nun bedenken uns die Russen auch mit Schrappnells, sie scheinen also wieder in Stellung gegangen zu sein. Und bald gewahren wir auch jenseits des Sumpfes eine fest ausgebaute russ. Infanteriestellung, aus der das Feuer über uns hernieder prasselt. Zischend und pfeifend umschwirren uns die Kugeln, unter denen wegen des hohen Grases viele Querschläger sind, erkennbar an dem flatternden Geräusch, das durch das Überschlagen der Kugel hervorgerufen wird. Langsam gehen wir sprungweise bis 800m an die Stellung heran. Hier nisten wir uns im Chausseegraben und in schnell gegrabenen Schützenlöchern ein, während schon unsere Artillerie die ersten Granaten nach dem Feinde hinüber sendet. Allmählich wird unser Artilleriefeuer immer stärker, auch die Haubitzen und 21cm-Mörser stimmen in das Konzert ein. Der feindliche Graben ist ganz in Schmutzfontainen und Qualm gehüllt. Am Abend in der Dunkelheit kommen die Feldküchen mit dem ersehnten Essen. Die Nacht bringe ich sitzend in einem selbst gegrabenen Loch am Chausseerande zu. Leider kostete uns der Tag (13. Komp.) 2 Tote und 3 Verwundete.
2. Juli 1915
Den ganzen Tag über deckt unsere Artillerie die hinter dem Sumpf am Rande eines Dorfes liegenden Schützengräben mit dem schwersten Artilleriefeuer ein. Auch unsere 21cm-Mörser sprechen ein gewichtiges Wort, leider dauert es recht lange, ehe sie sich eingeschossen haben, einige Treffer landen sogar dicht vor unserer vordersten Linie. Gespannt beobachten wir die Wirkung des Feuers aus unseren Löchern am Rande der Chaussee. Von links hört man fernes Infanteriefeuer und M.G.-Feuer. Die 19. Division und die 92er haben an einer günstigeren Stelle den Sumpf überschritten und rollen nun nach rechts auf, um auch uns den Übergang zu erleichtern. Nachmittags ist das Ziel erreicht. Wir gehen vor, mürbe gemacht durch schwerstes Artilleriefeuer, bedroht aus der rechten Flanke leistet der Feind nur noch schwachen Widerstand. Auf einer von den Pionieren schnell geschlagenen Notbrücke gewinnen wir das feindliche Ufer und gehen sofort in nördlicher Richtung weiter vor, um auch den 79ern rechts von uns den Übergang zu erleichtern. Hinter dem Dorf gehen wir ausgeschwärmt weiter vor und stoßen nach 10 Minuten wieder auf eine sehr stark ausgebaute verlassene Stellung. Beim nächsten Dorf stoßen wir im Halbdunkel auf starke feindliche Kräfte, die wir zurück drängen und graben uns jenseits des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe ein. Nachdem im Dunkeln die Feldküche herangekommen ist und wir beim Essen sind, beginnt nochmals eine wüste Infanterieknallerei vor uns, wir erwidern das Feuer, zu sehen ist aber nichts. Die Nacht endet dann soweit ruhig, bis auf die üblichen Postenschüsse.
3. Juli 1915
Früh morgens schon erhalten wir starkes Schrappnellfeuer. Auch unsere eigene Artillerie schießt versehentlich hinter uns ins Dorf, durch die Trompetensignale wird sie auf ihren Fehler aufmerksam gemacht. Vor uns geht russ. Infanterie in Stellung und gräbt sich in 1400m Entfernung ein. Wir suchen sie durch starkes Feuer zu beunruhigen. Gegen 10 Uhr zieht sich der Feind einzeln nach links zurück, wobei wir ihn wiederum unter starkes Feuer nehmen, wenn auch bei der großen Entfernung keine großen Erfolge zu erwarten sind. Wir erhalten den Befehl, uns um 1 Uhr angriffsbereit zu halten. Der Angriff wird aber verschoben und erst gegen 8 Uhr rücken wir in Bereitschaftsstellung etwas weiter links und kommen gerade vor das Gehöft zu liegen, in dem sich der Feind anscheinend stark verschanzt hat. Die Nacht über schlafen wir in einem lichten Walde in schnell ausgeworfenen Schützenlöchern.
Ich träume, ich werde am linken Arm verwundet. Herms meint am andern Morgen, so ein Traum wäre Unsinn und hätte nichts zu bedeuten. Nachts gibt es Post und Essen aus den Feldküchen.
4. Juli 1915
Um 6 Uhr beginnt die Vorbereitung des Angriffes durch unsere Artillerie, besonders das stark verschanzte Gehöft links vor uns wird unter starkes Feuer genommen. Die feindlichen Gräben sind ganz eingenebelt in Rauch und Qualm. Im Schutze dieses Feuers arbeiten sich der 2. und 8. Zug allmählich sprungweise vor, während ich vorläufig mit meinem Zuge in Reserve bleibe und die Verbindung nach vorne aufnehme. Aber auch bei uns wird es jetzt ungemütlich. Von vorne umschwirren uns die Infanteriegeschosse, während eine schwere russische Batterie unser Wäldchen unter Feuer nimmt in der Annahme, dass in ihm unsere Reserven verborgen sind. Rechts und links, vor und hinter bersten die fürchterlichsten Geschosse, ab und zu ganze Bäume mit sich reißend. Da heißt es, die Nerven zusammen zu reißen, alles ersehnt den Angriff, um aus dieser Hölle heraus zu kommen, vorne ist es immer besser als hinten. Um 8 Uhr 35 beginnt der eigentliche Sturm, kurz vorher noch einmal starkes Artilleriefeuer, welches Punkt 8 Uhr 35 sofort hinter die feindlichen Linien verlegt wird. Alles arbeitet sich vor, auch ich folge mit meinem Zuge. Feldw. Ruppin kommt verwundet zurück. Ein Gruß an die Heimat. Sprungweise vor. Rechts ist man schon weiter, links die 92er bleiben zurück. Unsere Kompanie hat den feindlichen Graben erreicht, überschritten. Gefangene. Ich, Sprung auf marsch, marsch. Der Zug stürzt keuchend vor, ich vorne. Da setzt ein pfeifendes Knattern ein. M.G. aus der linken Flanke. Vor mir bricht ein Mann zusammen, rechts und links mehrere, ich bekomme einen Schlag am linken Arm. Vorwärts. Das M.G. rattert weiter. Hinlegen. Ich stürze mit meiner Gefechtsordonanz in einen Granattrichter. Donnerwetter, das war peinlich. Mein Bursche: „Herr Leutnant, Ihr Arm blutet ja.“ Nun merke ich erst, dass auch mich die Kugel erreicht hat. Rasch wird der Ärmel aufgeschnitten, das Blut fließt in Strömen. Gefechtsordonanz, Unteroffizier H., übernimmt den Zug. Mein Bursche verbindet mich mit seinem Verbandspäckchen. Ringsherum schlagen die schweren Granaten ein, das Ass (?) hat sein Feuer vorverlegt. Der Zug geht vor, verlassen, kampfunfähig liege ich da, es wird mir etwas schwarz vor den Augen, der Blutverlust macht sich bemerkbar. Der Schuss geht zwischen den Knochen durch, einer scheint verletzt. Die Kugel sitzt im Fotografenapparat, den ich in einer Ledertasche am Koppel trage. Vorne ertönt das bekannte Trompetensignal, unsere eigene Artillerie schießt zu kurz, wie so oft. Ich fasse nur den Gedanken, wie ich jetzt aus dieser Hölle heraus komme. Nun lässt auch das russ. Feuer nach. Langsam gehe ich zurück, unterwegs zeige ich meinem Kompanieführer den Heimatschuss, von dem ich geträumt hatte. Ja, in die Heimat geht es, das kommt mir jetzt erst voll zum Bewusstsein, nun freue ich mich. Einen Unteroffizier, der am Bein verwundet ist, stütze ich und so humpeln wir beide zurück. Er wird an der Verbandsstelle aufgenommen, während ich zu Fuß nach Debrezcin wandere. Unterwegs melde ich der schweren Artillerie, dass sie noch viel zu kurz schießt. Unsere braven Jungen sind ja schon wieder viel weiter vor, als sie sollten. In Debretschin ist das Lazarett überfüllt. Hunderte von Verwundeten warten auf ihren Abtransport. Beim Verbinden stehen wir Schlange. Die Nacht verbringe ich in einem Bett. Zum ersten Mal nach langer Zeit und träume von der Heimat, von den Lieben zu Haus. Wie werden die sich freuen.
(Hier endet das Tagebuch.)