6. Juni 1915
Wir liegen im Schützengraben links von Katy. Die Stellungen sind schnell ausgebaut, der Drahtverhau ist verstärkt. Herms und ich haben einen kleinen Unterstand und fühlen uns ganz wohl, da auch wieder kleine Liebesgabenpäckchen eintreffen. Nachts kontrolliere ich öfters die Posten. Patrouillen werden weit ins Vorfeld geschickt, da die Russen mindestens 1500 m entfernt liegen.
7.-8. Juni 1915
In derselben Stellung.
9. Juni 1915
Heute werden wir abgelöst und marschieren in einen Wald bei Chodanie, wo wir Zelte aufschlagen.
10. Juni 1915
Heute werden wir gegen Cholera geimpft. Morgens ist Feldgottesdienst.
15. Juni 1915
Wir schlafen in Zelten bei Opaka.
16. Juni 1915
In Bereitschaft in einem Chausseegraben bei Lubaczow (südl.). Es beginnt ein Gefecht, in dem wir zuerst nicht beteiligt sind. Gegen Mittag ziehen wir uns im Chausseegraben einzeln weiter nach rechts und gehen dann sprungweise bis an eine verlassene russische Stellung vor. Von hier aus brechen wir in Front gegen Mlodow vor, nachdem wir die Wircnia (?) überschritten haben. Auf der weiten Ebene haben wir sehr unter Schrappnellfeuer zu leiden, haben aber keine nennenswerten Verluste, da die Schrappnells zu hoch liegen. Flankiert von links sind die Russen vor uns gewichen, das Infanteriefeuer ist so schwach, dass wir es gar nicht erwidern. Wir besetzen Mlodow. Ich treffe hinter einem Haus mit Lt. Mackensen zusammen. Eine kurze Zeit nisten wir uns am Dorf an einem Bachrand ein, weil die Russen das Nest schwer mit leichter und schwerer Artillerie belegen. Unsere Leute melken die im Dorf befindlichen Kühe. Die Einwohner haben große Angst. Bald geht es in Schützenlinie weiter vor. Das Feuer ist wiederum nicht sehr schwer, da die Russen von unseren angreifenden Truppen schon wieder flankiert werden.
20. Juni 1915
Wir werden weiter nach rechts durch große Wälder und unwegsames Gelände verschoben und lösen eine österreichische Kavalleriebrigade ab, die sich vor einer sehr starken Stellung eingenistet hat. Eines nachts gehen wir in Schluchten gegen die als uneinnehmbar geltende Stellung, die stark befestigt auf einer sehr steilen Höhe liegt, vor und stellen fest, dass der Feind sie verlassen hat. Alles atmet erleichtert auf, denn die Einnahme dieser festungsartigen Stellung hätte unheimliche Verluste gekostet. Wir durchschreiten beim Vorgehen in Schützenlinie Doling Male (?). Im freien Felde fragen wir einen Galizier nach dem Feinde aus. Es kann oder will aber nichts sagen. Die Einwohner stehen vielfach mit den Russen in Verbindung, trotzdem es österreichische Staatsangehörige sind.
21. Juni 1915
Heute haben wir eine Stellung auf einer Höhe bei Potylitz bezogen. Ein Zug liegt immer vorne auf der dem Feinde zu liegenden Seite der Höhe, während der Rest der Kompanie nachts in Zelten, am Tage alarmbereit auf dem diesseitigen Hange der Höhe liegt. Feldwachen sind weit vorgeschoben. Wir hören, dass ein als Feldwache vorgeschobener Zug des Infantrie Regiments Nr. 73 völlig niedergemacht wird.
22. Juni 1915
Am Tage bauen wir am Schützengraben, ich helfe eifrig mit. Vom Feinde hören wir nichts. Das Zusammenleben mit den Kompanien ist sehr nett. Mittags mache ich mit Herms zusammen ein Wettrennen auf einem Kosakengaul, wobei das Vieh mit mir durchgeht.
23. Juni 1915
Wir liegen noch auf der Höhe von Potylitz. Das Gelände vor uns bis zur Bahnlinie Rava-Rusca-Lubaczow ist frei vom Feinde, nur Kosakenpatrouillen wagen sich ab und zu vor. Auf der Höhe des Berges, 50 m hinter dem Schützengraben, habe ich mein Zelt aufgeschlagen. Leider zeigt der Himmel ein trübes Gesicht und unaufhörlich platscht der Regen auf die Zeltbahn, während ich lang ausgestreckt ein Buch von Roda Roda lese. Nachmittags bekomme ich einen jungen Feldwebel, der von einem Kursus auf Deutschland kommt, für meinen Zug zugeteilt, den ich mit in mein Zelt aufnehme. Am Abend wird unsere Verteidigungslinie bis zu der oben erwähnten Bahnlinie vorgeschoben und unsere Kompanie liegt als Reserve in einer Schlucht westlich von Huta Zielona. Zum Abendessen lassen wir uns aus Maggiwürfeln Bohnensuppe kochen, die uns zusammen mit Krabben, Käse und Wurst in einem wohligen Zustand versetzt. Um 10 Uhr lege ich mich nach dem Genuss eines Gläschens Wein mit dem Vizefeldwebel im Zelt schlafen. Da der Boden aber sehr abschüssig ist und ich kein Kopfkissen habe (als Musketier nahm man den Tornister), schlafe ich sehr schlecht.
24. Juni 1915
Um 4 Uhr morgens beginnt vorne eine wüste Knallerei. Alles denkt an einen Angriff. In Wahrheit wird aber nur ein feindlicher Flieger beschossen. Den regnerischen Morgen fülle ich mit Briefeschreiben aus. 11 Karten und 1 Brief, dabei wundern sich die Leutchen in der Heimat, dass sie so selten Nachricht bekommen. Ich freue mich heute wirklich auf die Feldküche und esse mit Heißhunger den Reis mit gekochtem Schinken. Nach dem Mittagessen zieht ein fürchterliches Gewitter auf, nach dessen Beendigung aber die Luft wohltuend frisch wird und die Sonne ihr lachendes Gesicht zeigt. Um 3 Uhr halte ich Instruktion über die Behandlung der Handwaffen und der Munition ab. Lt. Herms lässt uns vor unserm Lagerplatz fotografieren. In der Ferne links von uns ist Artilleriefeuer wie ein fernes Rollen zu hören, während bei uns alles ruhig ist. Die Pioniere sind dabei beschäftigt, eine Brücke über die vor uns liegende Rata zu bauen. Abends essen wir requiriertes gekochtes Huhn, Kartoffeln und Karotten. Nach einem gemütlichen Beisammensein bei der 2. Kompanie am hell lodernden Lagerfeuer schlafe ich heute tadellos im Zelt.
25. Juni 1915
Morgens um 1 Uhr wird geweckt. Die Feldküche bringt uns warmen Kaffee und um 2 Uhr liegen wir schon gefechtsbereit hinter der Rata, die wir um ½ 3 auf den von den Pionieren gebauten Stegen überschreiten. Die Nerven sind auf das äußerste angespannt, können wir doch jeden Augenblick auf den Feind stoßen. Hinter der Rata gehen wir wieder ausgeschwärmt in Stellung und schicken Patrouillen vor, die regelmäßig auf Kosaken stoßen. Um 5 Uhr beginnt der Vormarsch durch den dichten Wald, in dem wir ab und zu durch die feindl. Kosakenpatrouillen belästigt werden. Eine meiner Patrouillen stellt fest, dass Siedlisca vom Feinde frei ist, sie trifft nur wieder mit Kosaken zusammen, durch die ein Mann der Patrouille verwundet wird, dafür bleibt aber einer der Frechsten von 3 Kugeln durchbohrt auf der Strecke. Nach Aussagen der Bewohner ist es glücklicherweise der, der sie am meisten beraubt hat. Gegen Mittag graben wir und jenseits von Siedlisca ein. Ich benutze die Gelegenheit, um meinen Körper gründlich zu reinigen. Wir bekommen Essen von der Feldküche und als Nachtisch eingemachte Kirschen. Kurz nach Mittag werden wir vom III. Bataillon abgelöst und ziehen in einem furchtbaren Gewitterregen weiter 2 km westlich. Hier geht die Kompanie auf einer Waldschneise zur Ruhe über, während ich mit meinem Zuge als Feldwache auf einem vorliegenden Berge in Stellung gehe. Eine gräuliche Nacht beginnt, da alles wachen muss, weil vor einigen Tagen, wie ich oben erwähnte, eine Feldwache von den Kosaken völlig aufgerieben worden war. Ich selbst kämpfe mit der Müdigkeit und muss andauernd die Leute wach rütteln, die immer wieder einnicken. Ein Fläschchen Kognak wärmt mich von innen, dafür sorgen aber die nassen Kleider und der kalte Nachtwind, dass man äußerlich wie ein Eisblock wird. Die Nacht vergeht aber ruhig, während links von uns eine starke Knallerei im Gange ist. Einzelne Kugeln platschen über uns in die Bäume.
26. Juni 1915
Morgens um 4 Uhr werden wir abgelöst und wärmen uns einige Minuten am Feuer, dann marschiert das Bataillon geschlossen nach Boscyki. Das II. und III Bataillon greift an, während wir als Reserve ausgeschwärmt durch den dichten hügeligen Wald folgen. Die Russen scheinen ihren andauernden Rückzug einmal unterbrochen zu haben, denn vorne ist ein starkes Feuergefecht im Gange und wir werden mit Schrappnells beschossen. Leider regnet es in Strömen, die Stimmung ist in Folge dessen nicht sehr gehoben. Im Walde kurz vor Tenyatyska bleiben wir bis zum Abend liegen und graben uns dann auf freiem Felde ein. Die Feldküche sorgt pünktlich für unser leibliches Wohl. Um 1 Uhr habe ich endlich wieder Gelegenheit zu schlafen, nachdem ich 48 Stunden kein Auge zugetan hatte.
27. Juni 1915
Morgens um 8 Uhr treten wir an und bleiben 1 km jenseits von Tenyatyska liegen. Vormarsch in Schützenlinie. Rechts haben wir Anschluss an das Regiment 204 (22. R. t. K. (?)), das schon bedeutend weiter vor ist als wir. Wir stoßen auf viele Schützenlöcher von Kosaken, die uns andauernd durch Schüsse, die wir erwidern, aufzuhalten suchen. Gegen 6 Uhr erreichen wir bei Leliszki den russischen Grenzpfahl, wo Leutnant Herms uns mehrere Male fotografiert. Nun ist also das Land unserer Bundesgenossen frei vom Feinde, ein dreifaches Hoch auf unseren Kaiser zeigt unsere Freude, die uns die Russen durch einige Schrappnells zu versalzen suchen. Als Reserve hinter unserm Bataillon verbringen wir im Freien schlafend die Nacht, nachdem wir am Abend zuvor zur Feier des Tages Rührei und Schokolade genossen hatten. Mein Zug schläft im Alarmzustand.
28. Juni 1915
Morgens 5 Uhr treten wir an und folgen dem Bataillon als Reservekompanie, dabei halten wir durch einzelne Leute die Verbindung nach vorne. Das Gelände ist waldig und schwer passierbar. Gegen Mittag sammelt sich das Bataillon und um 4 Uhr folgen wir nach einer Ruhepause an einem Waldrande dem ausgeschwärmten Regiment als Reserve. Die Russen befinden sich in vollem Rückzuge. Das Dorf, das wir durchschreiten, geht in Flammen auf. Natürlich ohne Befehl, aber das Andenken an die Brandschatzungen der Russen in Ostpreußen sitzt wohl zu tief. Es ist eben Krieg, da gibt es keine Rücksicht. Hinter dem Dorfe Zicloni (?) beziehen wir gegen 8 Uhr ein Biwak und müssen dann für das II. Bataillon einen Graben bauen.
29. Juni 1915
Morgens 5 Uhr Abmarsch der ganzen Division über Majdan Stoly, das in Flammen aufgeht, nach Majdan Wielki. Es ist unheimlich heiß und die Wege sind sandig, dazu wird alle Augenblicke Halt gemacht, wie es durch die Verschiebung innerhalb großer marschierender Verbände immer geschieht. Dieses andauernde Halten, Zusammensetzen der Gewehre, Wegtreten und wieder Antreten ermüdet sehr. Hinter Majdan Wielki stoßen wir auf den Feind. Die 92er sind als Spitze vorne, während wir noch abwartend in einem Wäldchen bei Majdan Wielki liegen und Erbsensuppe aus der Feldküche empfangen. Nach etwa zweistündiger Rast setzen wir den Marsch fort, der bei der glühenden Hitze immer anstrengender wird. Immer mehr Leute machen schlapp. Endlich, um 9 Uhr, heißt es in einem Dörfchen Zelte aufschlagen. Die 13. musste aber wieder auf Feldwache. Was haben wir geflucht! 1 ½ km marschieren wir weiter, es wird immer dunkler, 4 russische Regimenter sollen sich nach Gefangenenaussagen noch in den Wäldern herum treiben; wir müssen uns also nach allen Seiten durch Patrouillen decken. Unter Führung eines Zivilisten machen wir den Viehhof auf, wo wir in Stellung sollen. Unterwegs stoßen wir auf eine Protze (?) mit Munition, die die Russen in der Eile stehen gelassen hatten. Beim Viehhof machen wir Halt. Herms und ich gehen in der Finsternis voraus, um den Platz für die vorgeschobene Feldwache festzulegen, als plötzlich aus dem Dunkel lauter Gestalten mit umgehängtem Gewehr auftauchen. Erst halten wir sie für unsere Spitzengruppe, sind aber bald von Russen umringt. Herms hat nur seine Reitpeitsche bei sich, ich ziehe meine Pistole. Auf die Aufforderung, die Waffen nieder zu legen, reagieren sie. Ein Seufzer der Erleichterung entfährt uns. Es sind 31 Mann. Ein Deutsch sprechender Russe macht uns darauf aufmerksam, dass 1 ½ km entfernt noch 2 Regimenter Russen lagerten, worauf mit einem Zuge losziehen (30 Mann), um sie gefangen zu nehmen, wir fanden sie aber nicht mehr vor. Einem russ. Offiziersburschen nahmen wir 2 schöne Koffer ab, deren Inhalt uns gut zustatten kam. Die Nacht verläuft bei angespanntester Wachsamkeit ruhig.
30. Juni 1915
Morgens um 8 Uhr wird der Marsch fortgesetzt. Die 31 gefangenen Russen erhalten ihre Gewehre ohne Patronen zum Tragen zurück und müssen mitten im Verbande der Kompanie marschieren. Im nächsten Dorf übergeben wir sie einem Husaren. Der Marsch ist heute bei glühender Hitze wieder sehr anstrengend. 40 Mann unserer Kompanie machen schlapp. Kurz vor dem Städtchen Tomatschow schwärmen wir aus und besetzen eine davor liegende Höhe. Zwischen uns und der Stadt befinden sich Sümpfe und jenseits der Stadt Hügel. Wir bleiben 2 Stunden liegen, da wir annehmen, dass der Feind diese glänzende Stellung besetzt hätte. Nach Patrouillenfeststellungen ist dies aber nicht der Fall und wir marschieren geschlossen durch das Städtchen, das von weitem einen ganz friedlichen Eindruck gemacht hatte, in Wirklichkeit aber so dreckig und voller Gestank war, dass wir froh waren, als wir es durchschritten hatten. Hinter der Stadt machen wir furchtbare Umwege, die Stimmung der todmüden Leute wird dadurch nicht besser. Nicht weit von einem Viehhofe entfernt bekommt unser Bataillonsführer Hpt. Sietz (?) Feuer. Da ich mit meinem Zuge vorne marschiere, erhalte ich den Auftrag, den Hof vom Feinde zu säubern. Nur durch wenig Schüsse belästigt besetze ich den Hof, der inzwischen vom Feinde verlassen ist. In dem Viehhof bezieht unsere Kompanie in der Nacht Quartier (Scheune). Was war das für ein Genuss, als man sich abends in Ruhe waschen konnte, auch das Feldküchenessen und 3 gebratene Eier mundeten vorzüglich. So gut wie diese Nacht im Stroh hatte ich lange nicht geschlafen.
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